Ein 59-jähriger Künstler aus Näfels präsentiert erstmals eine grössere Auswahl seiner Werke. Seine Geschichte wirft zugleich eine gesellschaftliche Frage auf: Wie viele aussergewöhnliche Talente bleiben in Alters- und Pflegeheimen unentdeckt?
Wer Michi Schindlauer begegnet, sieht zunächst einen Mann im Rollstuhl. Wer seine Bilder betrachtet, entdeckt einen Künstler mit einer beeindruckenden Bildsprache und einer unverwechselbaren Handschrift. Der 59-Jährige lebt heute im Alters- und Pflegeheim «Letz» in Näfels. Seine Zeichnungen entstehen aus Träumen und inneren Bildern – ohne Vorzeichnungen, ohne akademische Ausbildung und ohne künstlerische Vorbilder. Mit feinen Linien erschafft er dichte Landschaften, geheimnisvolle Architekturen und traumähnliche Welten, die an die Tradition der Schweizer «Art Brut» erinnern und dennoch eine ganz eigene Ausdruckskraft besitzen.
Ein bewegtes Leben
Michi Schindlauer kam als Frühgeburt zur Welt und lebt mit Autismus sowie einer kognitiven Beeinträchtigung. Sein zeichnerisches Talent zeigte sich bereits in jungen Jahren. Während mehr als zwanzig Jahren arbeitete er bei Netstal Maschinen in Näfels und war dort ein geschätzter Mitarbeiter. Sport spielte lange eine wichtige Rolle in seinem Leben – unter anderem absolvierte er den Berliner Marathon.
Nach einer schweren gesundheitlichen Erkrankung, einer Operation und einer langen Rehabilitation im Schweizer Paraplegiker-Zentrum Nottwil ist er dauerhaft auf den Rollstuhl angewiesen. Heute prägt die Kunst seinen Alltag. Trotz körperlicher Einschränkungen entwickelte er über Jahre eine eigene Zeichentechnik.
Mehr als ein Künstler
Michi Schindlauer beeindruckt nicht nur mit seinen Zeichnungen. Er improvisiert am Klavier – ausschliesslich mit vier Knöcheln – und begeistert mit seinem ausgeprägten Rhythmusgefühl beim Beatboxing. Besucherinnen und Besucher erleben einen lebensfrohen Menschen mit feinem Humor und grosser Offenheit.
Ein gesellschaftliches Thema
Die Ausstellung macht sichtbar, welches kreative Potenzial in Menschen steckt, die häufig zuerst über ihre Behinderung oder ihre Wohnsituation wahrgenommen werden. Gleichzeitig zeigt sie, welche Rolle Alters- und Pflegeheime übernehmen können: Sie sind nicht nur Orte der Betreuung, sondern können Menschen dabei unterstützen, ihre Fähigkeiten weiterzuentwickeln und verborgene Begabungen sichtbar werden zu lassen. Die Ausstellung lädt dazu ein, den Blick auf Inklusion, Kreativität und Teilhabe neu zu richten – und sich zu fragen, wie viele Talente in unserer Gesellschaft noch darauf warten, entdeckt zu werden.
eing.
Vernissage: Montag, 24. August, 19.00 Uhr. Finissage: Dienstag, 22. September. Alters- und Pflegeheim Letz, Näfels.


