Kärchern hilft der Seele des Menschen – auch jener von Alfred Bind, der zur Gruppe der Fachstelle Augenhöhe gehört und mit seinem handwerklichen Talent den «Platzchef» macht. Mittwochs sowie am Wochenende übernehmen im Strandbad Mühlehorn Menschen mit und ohne Behinderungen unter dem Motto «Selbstvertretung» den Betrieb.
Von Fridolin Jakober
Es ist die heimliche Riviera der Glarnerinnen, hier liegen sie am See und lassen sich im Angesicht des Panoramas bräunen. Dafür, dass Garderobe und Kiosk sowie Gehweg und Toiletten blitzsauber sind, sorgt neben der Gemeinde das Team von Selbstvertretenden. Es kennt sich vom Stammtisch der Fachstelle Augenhöhe in der Markthalle Glarus. Badegast Peter Jehli, der hier mit der Familie die Sommerferien geniesst, findet es gut, dass diese Aktivität auch der Wunsch der Menschen mit und ohne Behinderung ist, dass sie selber das wollen. «Es ist ein Projekt der Leute selbst, das von der Fachstelle Augenhöhe derzeit unterstützt wird», sagt Fachstellenleiter Peter Grimm. «Hier übernehmen Menschen Verantwortung, für die es bisher nur wenige passende Möglichkeiten gibt.»
Einfädeln
Eingefädelt wurde das Projekt zusammen mit Leopold Ramhapp und Roger Rhyner, welche bei VISIT Glarnerland für Glarus Nord zuständig sind, aber auch mit der IG Mühlehorn und der Gemeinde Glarus Nord. «Der Kiosk im Strandbad Mühlehorn ist für unsere Gemeinde weit mehr als ein Verpflegungsangebot. Dass hier nun zudem Menschen mit und ohne Behinderungen gemeinsam Verantwortung übernehmen, zeigt, wie selbstverständlich Inklusion im Alltag gelebt werden kann – dieses Konzept ist ein echter Mehrwert für Glarus Nord», sagt Gemeindepräsident Fritz Staub. Tatsächlich sitzen an diesem Nachmittag auch einige Frauen vom Kerenzerberg und aus Mühlehorn zusammen an den Tessiner Steintischen, darunter Gret Menzi von der IG Mühlehorn. Sie ist nicht nur direkte Nachbarin des Strandbades, sie organisiert hier auch das Open-Air-Kino, das am Samstag unter dem Motto «Verständigung» den Film «Bon Schuur Ticino» mit Beat Schlatter zeigte. Am nächsten Filmabend hat Peregrin Bäcker (sein Name bedeutet auf Lateinisch Pilger) vom Team Augenhöhe Badi-Dienst, er ist derzeit am Wandern im Tessin, und der Film heisst «Pilgern auf Französisch». Das passt doch.
Verantworten
Mit am Tisch sitzt heute Fridolin Luchsinger, Präsident der Kantonalkommission von Pro Infirmis Glarus, denn er ist als Springer eingesetzt. Er sei von Anfang an motiviert gewesen, es im Strandbad zu probieren, denn das Projekt helfe, Menschen mit Behinderungen sichtbar zu machen. Das Behindertengleichstellungsgesetz ermögliche solche Projekte. «Ich bin gespannt auf das Fazit am Ende der Saison», sagt die Selbstvertreterin, die heute Glace verkauft. «Eigentlich sollte der Kiosk fünf Tage die Woche offen sein, jetzt, wo die Leute aus den Ferien heimkommen. Diese Woche öffnen wir spontan am Freitag.» Sie lobt auch die Hilfsbereitschaft der Einheimischen: «Sie haben gesagt, wir sind da, wenn ihr uns braucht. Das gibt uns ein gutes Gefühl.»
Geniessen
Heute ist es relativ ruhig, trotz des sonnigen Wetters – viele sind wohl noch in den Ferien. Gerade läuft die «Quinten» mit einem Hornstoss den Steg an, beide Schiffsdecks sind bis auf den letzten Platz gefüllt, doch steigen bloss zwei Radfahrer hier aus. «Wir hatten hier aber auch schon Tage mit 120 Leuten, doch sie bringen uns Geduld und Verständnis entgegen.» Die Selbstvertreterin kümmert sich um die Lieferanten und hat auch ein Formular zusammengestellt, mit dem alle erfassen, was sie verkauft haben. Berti, Isabelle und ich gehen zu ihr an den Kiosk, um ein Glace zu kaufen und es – im Schatten des Sonnenschirmes – zu geniessen, während eine kleine Eidechse in die Garderobe huscht, wohl nicht, um sich dort zu häuten.
Kiosk geöffnet: Mi, Sa, So – Filmvorstellung: Samstag, 8. August, Vorführung zirka 21.00 Uhr, Festwirtschaft 19.30 Uhr, Film: «Pilgern auf Französisch», Eintritt frei.


