Albert Schmidt wurde 1942 in Engi geboren, wo er heute wieder wohnt. Er war als Lehrer für Bildnerisches und Manuelles Gestalten sowie Kunstgeschichte in Basel tätig. Nach seiner Pensionierung widmet er sich hauptberuflich der Malerei und der Fotografie, mit einem Schwerpunkt auf Naturfotografie. Von Jugend an unternahm Albert Schmidt schwierige Kletter- und Hochtouren. Vor 35 Jahren begann seine Faszination für das Gleitschirmfliegen. Ein persönlicher Einblick.
An einem Sommertag gegen Mittag stehe ich für den Start bereit im Hang unter dem Gipfelgrat. Mein Schirm liegt mit den sorgfältig sortierten drei Leinengalerien hinter mir auf dem Gras. Eine letzte Minute voller Konzentration – mit dosiertem Zug an den vordersten A-Leinen ziehe ich den Schirm auf, seine 45 Zellen füllen sich mit Luft, gleich will er abfliegen, ich stoppe ihn mit einem kurzen Bremsimpuls, ein Kontrollblick, dann ein paar schnelle Schritte den Hang hinunter, der mit Luft gefüllte Schirm zieht mich hoch, ich hebe ab und bin gleich hoch über dem Berghang. Ich rutsche in den Sitzgurt, fliege im Hangaufwind zwei Achterkurven und dann hinaus in die Weite über dem Berg. Das Gefühl in diesen ersten Sekunden in der Luft ist kaum zu beschreiben – am besten dafür scheint mir einzig das Gleichnis «Frei wie ein Vogel» zu sein.
Nach dem Aufstieg zum Startberg habe ich eine Stunde Rast gehalten, um mich von der Anstrengung zu erholen. Etwas trinken, einen Riegel essen, ich bin allein in der Ruhe des frühen Tages. Aber alle Sinne sind weit offen, um den Flug vorzubereiten: den überregionalen Wind beobachten, der von der Topografie abgelenkt sein kann, den ersten thermischen Aufwind im Sonnenhang und seine Richtung, die Entwicklung der Wolken, den Duft der Alpenkräuter in der zunehmenden Wärme geniessen und immer wieder der Blick in die Runde der vertrauten Berggipfel. Aber vor dem Entschluss, jetzt den Flügel auszulegen, geht meine Aufmerksamkeit immer mehr in mich hinein, in die Wahrnehmung meiner inneren Befindlichkeit, nun muss ich ganz bei mir sein, nichts darf mich ablenken. Vor und während des Starts gibt es nur noch diesen einmaligen Augenblick im Leben, die Welt drumherum existiert nicht mehr. Von einem Berggrat aus in die Luft zu entschweben ist kein Spass der spielerischen Art, wie er bei vielen andern Tätigkeiten noch möglich oder gar erwünscht ist.
Lebhafte Erinnerungen an die Anfänge
Anfangs der 1980er-Jahre wurde der Gleitschirmsport von Frankreich her auch in der Schweiz bekannt. Die ersten Flugtücher mit einer Gleitzahl von 1:4 waren bessere Fallschirme, noch keine Konstruktionen für eigentliches Fliegen. Da gab es im Chlital eine Handvoll Deltapiloten, die schon Erfahrungen mit schnellem Fliegen hatten, aber sogleich fasziniert waren vom leichten, tragbaren, preiswerteren Luftsportgerät, das den Vorteil hatte, von einer heimischen Alpweide aus in die Luft zu kommen, und nicht kopfüber aus einem Flugzeug springen zu müssen. Über ihre ersten Sturzflüge sei der Mantel der Verschwiegenheit ausgebreitet. In der dennoch aufgekommenen Begeisterung wurde 1987 gleich ein Club gegründet: die Engi Flyers. Das erste Dutzend Piloten fürchtete weder Tod noch Teufel und brachte wirblige Farbtupfer in den Luftraum über dem Chlital. Ihr Präsident ab dem zweiten Jahr war Hannes Blumer, eine starke, geerdete Persönlichkeit, nicht nur im Dorf und im Club. Er forderte mich auf, bei ihnen mitzutun. Aber nach dreissig Jahren schwierigem Kletter- und Hochtouren-Alpinismus, darauf konditioniert, sich am Berg festhalten zu müssen, war ich noch skeptisch. Über eine Wand wie zum Beispiel das Rässegg am Schilt oder die Tschingelhörner, die ich hinaufgeklettert war, hinauszufliegen – das war noch unvorstellbar! Hannes wollte mir seinen Schirm der zweiten Generation verkaufen und sagte zu mir: «Mit dem Schirm flügsch du vu allne Berggipflä abä!» Damit hatte er mich erwischt – also auf ins Abenteuer der Lüfte, mit der Ausbildung in der Alpinen Flugschule von Michi Müller, einem der ersten Könner und Fluglehrer der jungen Gleitschirmszene. Dass zu der Zeit auch mein Bergfreund und Seilgefährte bei manchen Klettereien in den Urner Alpen, Bergführer Heinz Leuzinger, bereits leidenschaftlicher Gleitschirmflieger war, wird als letzter Kick zum Entschluss beigetragen haben.
Der Beginn Anfang 1990er-Jahre brauchte Ferienzeit, Finanzen, Mut und viel Nerven! Schon für den dritten Höhenflug (mehr als 300 Meter Höhendifferenz) ging es gleich auf den Gumengrat ob Braunwald. Die damaligen Älpler hatten den neuen Verrückten nur die äusserste Ecke des Grates zum Starten erlaubt. Viel zu kurz und erst noch mit zwei überwachsenen Felsspalten im Startlauf, gefährlich. War man da über diese hinweggehechtet, fiel der Hang gleich in eine saugende Tiefe hinunter, und von Adrenalin erfüllt ging es übers Grotzenbühl hinaus. Und da dies ein noch nie erlebtes Gefühl der Eroberung war (nur die geringe Gleitzahl noch nicht im Griff), wurde eine grosse Kurve über das Rubschen-Plateau angehängt, um schon unter den Häusern des Schwettibergs vorbei zum hinten liegenden Landeplatz vor der Durnagelverbauung zu steuern. Die Bäume über der Felswand wuchsen vor mir auf, die Schuhe rauschten durch die obersten Baumkronen – uff –, dann im Tiefflug zur Landewiese, um dort einzubomben. Waren danach noch alle Knochen heil, war das Glücksgefühl überschäumend!
Weissenberg
Zum beliebtesten Schulungs-Fluggebiet wurde in diesen Jahren der Weissenberg, sehr zur Freude der Luftseilbahn! An schönen Herbsttagen, wenn es im Unterland Nebel hatte, gab es hier eine Invasion von Flugschülern: Der Himmel über Matt war voller bunter Tücher und der Landeplatz vor dem Dorf ein lebhafter Platz gemeinsamer Euphorie. Da kamen schon die ersten Tandemschirme auf. Was, diese Schwabbeltücher mit Millimeter dünnen Leinen sollen gar zwei Menschen tragen können? Tatsächlich. Zwei junge Zürcher übten fleissig und krachten ein ums andere Mal auf die Landewiese. Einmal hörte ich, nachdem sie sich aufgerappelt hatten, den einen zum andern sagen: «Gäll, der Bodä hät grad zitteret!» Gibt es einen typischeren Spruch, um diese wilden ersten Jahre der Gleitschirmfliegerei den Lesern vorzustellen?
Die 1990er- und 2000er-Jahre mit den Engi Flyers: unvergesslich! Jeden Sonntag bei schönem Wetter ging es zu Fuss hinauf zu einem Bergstartplatz, obschon die Schirme und Gurtzeuge zwar besser, aber immer schwerer wurden. Dabei lernte man die Fluggefährten und -gefährtinnen auf ganz neue Weise kennen. Da gab es das «Wäschpi» (weil er immer wild hin und her kurvte), den «Kamikaze» (mit heiklen Manövern ausgerechnet kurz vor der Landung), das «Pyjama» (mit dem grässlich rosaroten Schirm), den «Speedy» und dann einfach «der Bescht» (heute noch eine Kapazität am Himmel über dem Glarnerland). Bei den Flyers gab es neben den Weekends in andern Flugdestinationen die jährliche Clubmeisterschaft an einem Sonntag in den Sommerferien, mit zwei Wertungsflügen vom Sunnähöreli. Am Landeplatz eine heiter-frohe Stimmung mit Festwirtschaft, mit Familien und den Kindern, für die Gleitschirme natürlich nur ein lustiges Spielgerät waren. Jeder freute sich über die gelungenen Flüge, egal, in welchem Rang man war. In der Erinnerung waren es glückhafte Tage in kollegialer und sozialer Gemeinsamkeit – die Freizeit konnte nicht schöner sein!
Teil 2
Im zweiten Teil meines Erlebnisberichts beschreibe ich zwei, drei meiner wichtigsten, prägendsten Erfahrungen. Aber ich kann nur über meine ganz persönliche kleine Welt beim Gleitschirmfliegen berichten, und die ist nicht repräsentativ. Deshalb sei noch ein kurzer Beschrieb über die flugsportlich viel höherstehende aktuelle Gleitschirmszene angefügt sowie ein paar Worte zur Ernsthaftigkeit dieses unvergleichlichen Sports in der freien Natur. «Happy Landing, bis zum nächsten Mal», verabschieden sich Gleitschirmflieger voneinander.
Gleitschirmfliegen – in der Luft zu Hause
Beim Gleitschirmfliegen hat man zwei Möglichkeiten, die beide faszinierend sind: Zum ersten Mal in einer vorher unbekannten Landschaft zu fliegen, in der man sich neu orientieren muss, oder über einer, die man schon gut kennt. Das ist so bei meinen Flügen in den Bergen im südlichen Glarnerland. Wo ich aus der Luft auch hinunterschaue: Fast überall war ich schon zu Fuss unterwegs, vieles ist mir vertraut, die Hänge und Weiden, die Bergwege und Hütten und über der Waldgrenze die alpine Welt mit ihren Felsen, Schluchten und Geröllhalden. Trotzdem ist dabei immer wieder Neues zu entdecken. Von unten betrachtet scheint ein Gleitschirm langsam zu sein, aber im Groundspeed von 40 km/h gleitet man recht schnell über die Topografie dahin. Kommt man aber in 20 km/h Gegenwind hinein, wie ihn der Talwind an Sommernachmittagen bald mal erreicht, fliegt man aber auch nur noch 20 km/h über Grund schnell (mit dem Wind fliegend dafür aber 60 km/h und mehr!).
Wie so oft fliege ich vom Sunnehöreli oder dem Fuggstock hoch hinaus übers Tal. Drüben der Freiberg mit seinen Alpen und Wäldern, den Hochtälern und Karen, seinen Felsgraten und Gipfeln. Wo war ich überall schon unterwegs, um zu fotografieren und dokumentieren! Ich sehe da etwa den abfallenden Grat unter den Siwellen, den Sommereinstand des Gamsgeissen-Kitzenrudels, das ich seit mehr als vierzig Jahren kenne. Ihr Lebensraum mit seinen Verrucano-Felsblöcken, letzten Schneefeldern dazwischen und der Alpen-Vegetation ist ein wunderschöner Ort, typisch für den Freiberg. Oft habe ich das Rudel vom benachbarten Grat aus mit dem Teleobjektiv fotografieren können und mich gefreut, wenn eine schöne Anzahl junger Kitze, immer im engen Kontakt zu ihren Müttern, die Lebensgemeinschaft der Gämsen bereicherten. Heute bin ich aber weit draussen über dem Tal und wünsche ihnen jedes Mal von Herzen Glück an ungestört friedlichen Sommertagen.
Geborgen unter dem Schirm hängend
Schon von hoch oben sehe ich auf den Wiesen unter dem Landesplattenberg meinen Windsack, der mir die Stärke des Talwindes anzeigt. Und genau dort liegt der Platz, der zu meinen frühesten Kindheitserinnerungen gehört. Die Tagwensbürger von Engi hatten dort im Zweiten Weltkrieg für die Selbstversorgung ein Stück Land zugeteilt bekommen. Diese «Saaten» müssen noch wenige Jahre nachher weiter bestanden haben. Als Drei-, Vierjähriger konnte ich da mit dem Vater hingehen und brachte freudig aus dem kleinen Bächli nebenan Wasser auf den Kartoffelacker. Mit dieser heute noch tief verankerten Erinnerung wird der Blick aus dem Schirm, die Zeit und Jahre komprimierend, zu einem Flug durchs ganze Leben.
Da kann es geschehen, dass ich noch weit oben, wenn die Luft ruhig ist und noch keine thermisch starken Aufwinde eingesetzt haben (mein Gleichgewichtsorgan und mein Magen haben mir ein paar Mal eine heftige Lehre erteilt …), mich im Airbag-Sitz zurücklehne und für ein paar Sekunden die Augen schliesse, um dieses einmalige Gefühl des schwerelosen Gleitens voll in mich aufzunehmen. Ich kann da sogar die Steuerleinen lockerlassen. Die modernen Flügel sind derart raffiniert konstruiert, dass sie auch ohne Zutun des Piloten fliegen (diesen dabei nur als hängendes Gewichtspendel brauchen)! Aber mein Bewusstsein ist voll empfänglich und nimmt jede Luftveränderung wahr, die mir der Schirm über die Leinen vermittelt. Ich fühle mich dabei geborgen und so sicher, wie wenn ich auf dem Sofa in der Stube sitze. Das mag für Menschen, die daran gewohnt sind, auf dem Boden zu stehen, zu laufen und zu fahren, unglaubhaft sein. Vielleicht kann man es als Tandempassagier, mit einem erfahrenen Piloten im Rücken, im Ansatz nachvollziehen.
Eine gegensätzliche, ungewohnte Raumerfahrung
Wenn man sich in Engi einmal mitten im Tal hinstellt, nach Süden zum Fanenstock hinblickt und das Verhältnis der Landschaft mit dem darüber liegenden Himmel visuell genau ausmisst, dann kann man erkennen, dass erstens das Tal überhaupt nicht so eng ist, wie der Dorfname vermuten lässt und zweitens der Himmel über den beiden Berghängen viel weiter geöffnet ist, als es den Tälern des Sernf und der Linth allgemein zugeschrieben wird. Man nimmt allein die statische Landschaft als Raum wahr, darüber ist die formlose Leere der Luft und des Himmels. Fliege ich nun aber 1500 Meter hoch über Grund in der Talmitte, sei es gegen Norden zum Talausgang hin oder gegen Süden nach Elm zum Talabschluss, dann kehrt sich die Perspektive um. Hier oben nehme ich den Luftraum, in dem ich dahingleite, als positiven Raum wahr und die Landschaft unten, wie eine konkave Schale, als zwar einfassenden, aber negativen Raum. Das Tal unter mir ist jetzt viel tiefer und enger und die beiden Talhänge steiler, als es von unten her aussieht. Bei den zwei Fotos von einem Flug vom Fanenstock auf Höhe des Stuelegghorns verzerrt ein Stück weit der Weitwinkel der Helmkamera den dominierenden Eindruck, den ich real während des Fluges erhalte. Auch Piloten, die Segel- und Sportflugzeuge steuern, werden diese Tiefenperspektive gut kennen. Mit dem Unterschied, dass sie halt in einer Kabine drinsitzen, während der Hängegleiter frei durch den Luftraum schwebt. Ich glaube, intensiver können diese Erfahrung nur noch Drachenpiloten machen: Wie ein Adler auf dem Bauch liegend pfeilen sie über die Höhen und Tiefen der Landschaft!
Meine kleine Flugwelt im Sernftal und Grosstal ist, wie im ersten Teil erwähnt, einiges entfernt vom weit ambitionierteren Fliegen der aktiven Szene. Dort werden heute im Alpenraum Strecken von 200 bis 300 Kilometer am Tag, über Dutzende Täler und Gipfel hinweg geflogen! Dann gibt es die Acrofliegerei, die an Wettkämpfen unglaubliche Manöver vorstellt, bei denen sogar normale Piloten staunen, dass das mit flexiblen Tüchern überhaupt möglich ist. Und schliesslich das «härteste Abenteuerrennen der Welt», das X-Alps alle zwei Jahre. Von Salzburg bis ans Mittelmeer bei Monaco quer über die Alpenkette, allein mit Fliegen oder Laufen, eine Distanz, die die weltbesten Athleten in nur sechs bis acht Tagen bewältigen. Gleitschirmfliegen auf höchstem Niveau.
Auch die Engi-Flyers haben sich seit ihren Anfängen sportlich stark gewandelt. Man könnte sie heute «Tödi Flyers» nennen. Sie starten jetzt auf der Gletscherkuppe des Glarner Tödi, wenn sie ihn nicht gar, hoch vom Wallis herkommend, überfliegen. Flugtechnisch sind sie dabei auf einem viel höheren Niveau als wir in den ersten 25 Jahren des Clubs. Auch sie steigen noch oft zu Fuss zu einem Startplatz auf, haben es dabei aber um einiges leichter. Der weltweit eingesetzte Boom des «hike&fly» hat eine Entwicklung beschleunigt, die zu heute viel leichteren Schirmen, Sitzgurten, Rucksäcken und anderer Ausrüstung geführt hat. Die sportlich Ambitionierten vereinen jetzt zwei alpine Abenteuer miteinander: Zuerst eine Kletter- oder Hochtour mit leichtem Rucksack, um erst oben über den Felsen die Gipfelwelt fliegend zu verlassen.
Zum Abschluss sei nicht übergangen: Gleitschirmfliegen ist nicht gefährlich, aber es gibt Gefahren und Risiken. Es gibt stressige Momente beim Start und in der Luft, wenn der Wind seine Naturkräfte nicht pilotenfreundlich entfaltet. Gleitschirmfliegen erfordert Selbstwahrnehmung, Selbstbewusstsein, Selbstverantwortung, Selbstsicherheit, Frustrationstoleranz, physische wie mentale Stärken und die volle Bereitschaft, sich auf das Abenteuer in den Lüften einzulassen. Der Lohn dafür aber ist einzigartig. Nach jeder Landung wieder auf der Erde stehend weiss man: Man kommt aus einer Welt über der Welt zurück.
Zum Schluss noch dies: Können Sie sich vorstellen, einen Erfahrungsbericht übers Gleitschirmfliegen wie diesen von einer KI schreiben zu lassen? Nein? Selbstbestimmtes Schreiben, Wort für Wort und Satz für Satz seine eigenen Gedanken zu formulieren, ist für mich ein wahres Lebenselixier
(= Zaubertrank nach Fremdwörter-Duden – Miraculix lässt grüssen!) und macht FAST so viel Freude wie ... eben ... Gleitschirmfliegen.
Albert Schmidt


