Blick nach vorne ohne Zorn

Neun Rednerinnen und Redner äusserten sich zur Frage: Drei Heime oder drei Standorte? 
(Von links nach rechts und von oben nach unten) Paul Züger, Mauro Sana, Melitta Zopfi, Euphemia Elmer, Beat Wüthrich, Hans Rudolf Zopfi, Rosa Kuster, Roman Huser und Jacques Marti. (Fotos: Søren Ehlers)

Das Interesse der Stimmberechtigten an den insgesamt vier Traktanden im 
Zusammenhang mit der Glarus Süd Care war gross. Die Gemeindeversammlung nahm die Eingeständnisse gemachter Fehler entgegen und liess Verwaltungs- und Gemeinderat den gewünschten Spielraum.

Vor einem Jahr hatte die Gemeindeversammlung die Jahresrechnung 2024 der Glarus Süd Care zurückgewiesen und einen unabhängigen Untersuchungsbericht verlangt. Dieser liegt nun vor – erstellt von der Beratungsfirma Federas.

Federas-Bericht: Strukturelle Krise seit 2018
Hans Rudolf Forrer, Gemeindepräsident, appellierte an die Versammlung, nach vorne zu schauen: «Ich bin der festen Überzeugung, dass jetzt genug in die Vergangenheit investiert worden ist.» Gemeinderätin Gabi Aschwanden fasste zusammen: Das Negativergebnis 2024 sei primär auf einen ausserordentlich hohen Einsatz von Temporärpersonal von rund eineinhalb Mio. Franken zurückzuführen. Die Aufsichtspflicht sei zwar wahrgenommen worden – allerdings hätten beide Gremien zu lange zugewartet und zu spät korrigierend eingegriffen. Die Infrastrukturen seien für die tatsächliche Nachfrage zu gross, die Bettauslastung zu tief und die Fixkosten zu hoch.

Peter Zimmermann, der Urheber des Rückweisungsantrags, anerkannte die geleistete Arbeit. Er zeigte sich jedoch ernüchtert: «Es stimmt mich sehr traurig, dass so viele Jahre ins Land gehen mussten und so viel Geld verbraten werden musste.» Sein Fazit: «Wir messen die Verantwortlichen an den Taten und nicht an den Worten.»

Der Federas-Bericht wurde von der Gemeindeversammlung zu Kenntnis genommen.

Entlastung
Sowohl die zurückgewiesene Jahresrechnung 2024 der Glarus Süd Care als auch die Jahresrechnung 2025 wurden genehmigt und damit dem Verwaltungsrat Entlastung erteilt.

Drei Heime oder drei Standorte?
Traktandum 7 war mit grosser Spannung erwartet worden. Melitta Zopfi und Mitunterzeichnende beantragten, die Gemeindeordnung so zu ergänzen, dass die Heime in Elm, Linthal und Schwanden als Mindestangebot alle Pflegebedarfsstufen der obligatorischen Krankenpflegeversicherung abdecken müssen – und dass eine Unterschreitung nur auf Beschluss der Stimmberechtigten möglich sein soll.

Flexibilität nötig
Gemeinderätin Gabi Aschwanden gab zu bedenken, dass ein gesetzlich verankertes Vollangebot an allen drei Standorten ein finanziell kaum tragbares Korsett wäre. Verwaltungsratspräsidentin Franziska Auderer verglich die Lage mit einer Wanderung: Wer merke, dass der Weg nicht mehr begehbar sei, suche einen neuen Weg – anstatt stur weiterzugehen und die ganze Gruppe zu gefährden. Sie bat die Stimmberechtigten, dem Verwaltungsrat den nötigen Handlungsspielraum zu geben.

Erst Heimeintritt, dann Verlegung?
Melitta Zopfi argumentierte, dass die Unterbelegung in Elm kein Zufall sei, sondern selbst verursacht. Seit fast zwei Jahren seien kaum noch Bewohnende aufgenommen worden, weil niemand sicher gewesen sei, ob er dortbleiben könne. «Wer tritt schon in ein Heim ein, wo man mit zunehmender Pflegebedürftigkeit nachher in ein anderes Heim verlegt werden muss?» Zopfi kritisierte zudem den gewachsenen administrativen Apparat der Glarus Süd Care – Stellen für Bettenmanagement, Kommunikation und separate Personalführung – und sah dort erhebliches Sparpotenzial. 

Gegner des Antrags: Strategie zuerst
Paul Züger und Peter Zopfi plädierten dafür, abzuwarten, bis der Verwaltungsrat konkrete Varianten mit einem klaren Preisschild vorlege. Euphemia Elmer hinterfragte den Wert geografischer Nähe im Alter und forderte stattdessen den Ausbau barrierefreier Alterswohnungen. Paul Züger richtete am Ende seines Votums einen expliziten Appell an die noch verbliebenen Verwaltungsratsmitglieder aus der «alten Garde»: Sie sollten auf den nächstmöglichen Zeitpunkt zurücktreten, um dem Gremium einen unbelasteten Neuanfang und mehr Glaubwürdigkeit zu ermöglichen.

Befürworter des Antrags: Demokratie und Würde
Jacques Marti bezeichnete den Antrag als reine Kompetenzfrage: Der Verwaltungsrat solle die Gemeindeversammlung fragen müssen, bevor er vom Mindestangebot abweiche – das schränke niemanden ein. Pfarrer Beat Wüthrich kritisierte, dass der Begriff «Heim» faktisch umdefiniert worden sei – zu einem Durchgangsstadium, aus dem Bewohnende bei zunehmender Pflegebedürftigkeit weitergeschoben würden. Er schilderte konkrete Fälle aus Elm, wo Angehörige die kommunizierte «Freiwilligkeit» von Verlegungen anders darstellten. Mauro Sana rechnete vor, dass die Infrastrukturkosten eines Pflegeheims unabhängig von den angebotenen Pflegestufen gleich hoch seien – und dass die Glarus Süd Care bei konsequenter Weiterführung der eingeleiteten Sparmassnahmen eine schwarze Null erwirtschaften könnte.

Nach einer langen und emotionalen Debatte mit neun Wortmeldungen wurde der Antrag mit 216 gegen 134 Stimmen abgelehnt.

Nach der Versammlung zeigte sich Franziska Auderer zufrieden mit dem Verlauf der Debatte: «Mit der Genehmigung der Jahresrechnungen 2024 und 2025 wurde ein Schlussstrich unter die Vergangenheit gezogen. Das Zeichen war klar, nun gilt es in die Zukunft zu blicken und die Glarus Süd Care wieder ‹auf den Weg› zu bringen.» Den an amtierende Verwaltungsratsmitglieder gerichteten Rücktrittsappell kommentierte Auderer knapp: «Es braucht beides: neue Ideen und neue Gesichter – aber auch erfahrene Leute, die genau jene Erfahrungen mitbringen, die in den letzten Jahren gemacht worden sind.»

Weitere Traktanden
Zu Beginn der Versammlung erläuterte Hans Ueli Rhyner die extern in Auftrag gegebene Effizienzanalyse, welche die Abläufe in der Gemeindeverwaltung untersucht hatte. Dieser Bericht zeige auf, wo im Vergleich zu anderen Gemeinden (Benchmarktstudie) noch gespart werden könnte. Es wurden viele Vorschläge von internen Mitarbeitenden aus jedem Departement in den Bericht aufgenommen. Aus dem Bericht werden nun Sparmöglichkeiten in den Bereichen Organisation, Personal, Gebühren und Leistungsabbau (z. B. Öffnungszeiten) abgeleitet. Die Gespräche mit den internen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern seien vom Berichtsverfasser Dr. Kleiner vertraulich geführt worden, deshalb werde der Bericht der Öffentlichkeit nicht zugänglich gemacht. Am Ende der Versammlung forderte Landrat Andreas Vögeli, es sei eine Zusammenfassung dieses Berichtes vorzulegen, der den Datenschutz berücksichtige, der Öffentlichkeit aber einen Einblick in die Untersuchung ermögliche. 

Genehmigt wurden von der Versammlung die Jahresrechnung 2025 der Gemeinde und der Technischen Betriebe Glarus Süd. Ebenso die Teilrevision des Personalreglementes und die Verordnung über die Abfallbeseitigung. Die dazu eingebrachten Anträge zur Festlegung einer Recyclingquote von 65 Prozent, der Förderung der privaten Kompostierung und der mengenabhängigen Gebühren für Grünabfälle, so wie mit der Gebührenmarke in Glarus, wurden äusserst deutlich abgelehnt.

Die Wahl in die Geschäftsprüfungskommission schafften Christoph Marti, Karen Zweifel und Linus Becker (als Ersatz).

Grosser Applaus für Rhyner und Forrer
Hans Ueli Rhyner und Hans Rudolf Forrer treten aus dem Gemeinderat aus. Sie sprachen sich gegenseitig Wertschätzung und Dank aus und überreichten einander je im Namen des Gemeinderates ein Geschenk. Der Applaus der Versammlung war gross und wurde von beiden mit Freude und Rührung angenommen. 

Søren Ehlers

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