Zwischen Lippenlesen und Dolmetschen

Ganz links aussen: Dora Niederer neben Walter Niederer: Das Ehepaar ist Gehörlos und folgt dank Dolmetscherin den Geschäften und Voten an der letzten Landsgemeinde. (Foto: Fridolin Jakober)

An der Glarner Landsgemeinde werden sie wieder für alle sichtbar: gehörlose Menschen, die von engagierten Dolmetschenden durch die Geschäfte geführt werden. Im Glarnerland gibt es einen Verein, der seit 1941 für die Anliegen gehörloser Menschen kämpft – und heute vor neuen Herausforderungen steht.

An der Glarner Landsgemeinde, die jeweils am ersten Sonntag im Mai als kantonale Volksversammlung stattfindet, sind auch gehörlose Menschen mit dabei. Dolmetschende übertragen die Voten in Gebärdensprache und führen sie so durch die oft stundenlangen Verhandlungen. Für beide Seiten – Dolmetschende und Zuschauende – ist die Landsgemeinde in Gebärdensprache eine Mammutaufgabe, die viel Konzentration und Kraft kostet.

Ein Verein mit langer Geschichte
Im Glarnerland sind viele gehörlose Menschen im Gehörlosenverein Glarus organisiert, der 1941 gegründet wurde. Von den einst 113 Mitgliedern sind derzeit noch 35 im Verein aktiv. «Nur sieben davon sind richtige Glarner», zählt Walter Niederer aus Mollis auf, der soeben 89 Jahre alt geworden ist. Er begleitet zusammen mit seiner Frau Dora Niederer die Vereinsprä­sidentin Ruth Stohr und eine Dol­metscherin zum Gespräch beim ­FRIDOLIN. Ruth Stohr steht dem Verein seit über 20 Jahren vor. Viele Mitglieder des Glarner Gehörlosenvereins kommen heute aus anderen Teilen der Deutschschweiz. 

Berghaus in Elm – und Abschied davon
1968 kaufte der Verein das Berghaus «Tristel» in Elm, um ein eigenes Clubhaus für Aufenthalte und Ferien zu haben. Das Geld sammelten die Mitglieder bei der Glarner Bevölkerung. «Wir gingen von Haus zu Haus», erinnert sich das Ehepaar Niederer. Das Clubhaus war während Jahrzehnten ein wichtiger Bestandteil des Vereinslebens. Unterdessen hat der Verein das Haus verkauft, weil zu wenig Vereinsnachwuchs und zu wenig Interesse vorhanden war.

Andere Lebensrealitäten
Dass die Zahl der Vereinsmitglieder von 113 auf 35 geschrumpft ist, könnte vemuten lassen, dass es immer weniger gehörlose Menschen gibt. Dass ist aber nicht der Fall. Junge gehörlose Menschen sind eher in aktiven Gehörlosen-Sportvereinen anzutreffen. «Wie bei jedem Verein haben auch wir grundsätzlich ein Problem mit dem Nachwuchs», sagt Stohr. Mit modernen Hörhilfen wie Cochlea-Implantaten, kurz CI, können viele gehörlose und ertaubte Menschen zumindest eingeschränkt hören und sich im Alltag eher unter Hörende mischen.

Diskussionen ums Implantat
Dazu kommt, dass Eltern ihren Kindern heute oft eine Hörhilfe implantieren, sobald die Gehörlosigkeit erkannt wird. Ein heikler Diskussionspunkt: «Kinder sollten selber entscheiden können, ob sie die Hörhilfe im Kopf haben möchten oder nicht», sagt Ruth Stohr. Moderne Kommunikationsmittel wie Mobiltelefone, Infotafeln in Bahnhöfen, Untertitel und vieles mehr machen den Austausch zwischen Hörenden und nicht Hörenden einfacher. Für alle drei anwesenden Vereinsmitglieder kommt ein Implantat nicht infrage. «Wir sind es gewohnt, nichts zu hören», sagt Walter Niederer mit einem Lächeln. «Ich bin zufrieden, mehr braucht es nicht.»

Hilfe im Alltag
Der Austausch mit Hörenden klappe gut. «Es sind oft die Hörenden, die Hemmungen haben, nicht die Gehörlosen», sagt Walter Niederer. «Ich sage den Leuten, sprecht langsam, dann verstehe ich euch. Nicht laut, sondern langsam!», schmunzelt Walter Niederer.

Einmal sei er im Auto in der Nacht unterwegs gewesen, als ihn ein Polizist anhielt. Dieser sei nervös geworden, als Walter Niederer als erstes im Handschuhfach herumwühlte und ihm dann mit einer Taschenlampe ins Gesicht zündete. «Ich musste ja seine Lippen lesen!». Manchmal gebe er den Menschen auch einfach zu verstehen, die Frage oder das Gesagte aufzuschreiben.

Gebärdensprache bleibt zentral
Institutionen wie Spitäler müssen einen Dolmetscher zur Verfügung stellen. Vor allem dann, wenn komplizierte Sachverhalte erklärt werden müssen. Dass ist leider nicht immer der Fall, auch wenn die Gebärdensprache bei Hörenden derzeit auf grosses Interesse stösst. «Viele Hörende lernen die Gebärdensprache, das ist erfreulich», sind sich die Vereinsmitglieder einig. Inklusion ist für das Zusammenleben wichtig, betonen sie. Es gebe heute nicht weniger gehörlose Menschen – aber mehr Gehörlose mit dem CI-Implantat, die dank technischer Hilfsmittel zumindest teilweise hören könnten.

Tina Wintle

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