Härtestes Skitourenrennen der Welt, ein Erlebnisbericht

Von links: Rolf Laager, Hanspeter Klauser, Hans Landolt

Müde, aber überglücklich erreicht die Geb S KP 1/85 am Samstag kurz vor 15.00 Uhr das Ziel in Verbier nach 15.54.01 Stunden. Dies, nachdem sie am Freitag um 22.45 Uhr in Zermatt gestartet ist und dabei eine Strecke von 55.6 km (Luftlinie), 4873 m Aufstieg und 4740 m Abfahrt mit Tourenskis bewältigt hat.

Alles der bekannten Skiroute entlang, der Haute Route. Über diverse Übergänge, die über 3000 m ü.M. liegen, und zur Erschwerung des Ganzen und zum Schutz vor Lawinen wird ein Teil auch in der Nacht zurückgelegt. Diese Strapazen haben nahezu 1600 Patrouillen à 3 Personen in Angriff genommen, darunter auch 10 Patrouillen reine Glarner oder mit Glarner Beteiligung.

Start in die Sternennacht von Zermatt
Dieses spezielle Skitourenrennen von Zermatt nach Verbier braucht eine minutiöse Vorbereitung. Läufer wie auch Organisation wissen um die Gefahren und Anforderungen dieser Strecke. Im Hochgebirge sind Gletscher zu überqueren, die Temperaturen sind zu berücksichtigen (auf über 3000 m ü.M. kann das Thermometer empfindlich sinken), Wind und Wetter sind weitere Komponenten, die den Weg zum Ziel erschweren können oder sogar unmöglich machen. Daher ist das Studium eines strikten Reglements ein wichtiger Faktor für die Zulassung zu diesem Wettkampf. Diese Herausforderung ist nur zu Dritt als Patrouille machbar, was aber auch zu diesem speziellen Teamgeist an der PDG beiträgt. Das Reglement schreibt auch eine äusserst genaue Materialkontrolle vor, wo jeder Patrouillier seine Ausrüstung vorlegen muss. Diese wird markiert, wenn die Vorgaben erfüllt sind, und ab dann steht dem Start nichts mehr im Wege. Die Startzeit wird anhand der Angabe des Patr. Chefs, in wieviel Stunden er in etwa diese Strecke zurücklegen möchte, zugeteilt. Je länger die Zeit, desto früher am Abend wird der Startblock zugeteilt. So starten ab 22.00 Uhr bis morgens um 03.00 die Patrouillen beinahe im Stundentakt ab dem Bahnhofplatz in Zermatt in die dunkle Nacht hinaus. Tausende von Zuschauern säumen die Hauptstrasse in Zermatt und feuern die Wettkämpferinnen und Wettkämpfer an. Das Szenario ist jeweils eindrücklich, da wird gesprintet, als wenn das Ziel bald nahe wäre! 

Auch wir als Geb S KP 1/85 (Johannes Andreas Landolt, Rolf Laager und Hanspeter Klauser) stehen um 22.45 Uhr bereit am Bahnhofplatz, um endlich die Herausforderung anzunehmen. Die Temperaturen sind äusserst angenehm und auch das Wetter zeigt sich von der besten Seite. Ein leuchtender Sternenhimmel begleitet uns hinaus in die dunkle Nacht. Mit Turnschuhen bewehrt, geht es anfänglich hinauf über Zmutt nach Ober Stafel zum Wechselort auf die Ski. Über den Gletscher geht es anfänglich einfach auf den Fellen, doch bald zwingen uns grosse Moränensteine zum Abschnallen der Ski und zum Tragen. Dies wird auf unserer grossen Tour nicht das letzte Mal sein. Diverse sogenannte Portagen brechen dir den Rhythmus oder lassen den Körper wieder einmal eine andere Bewegung ausführen. So ziehen wir unentwegt Richtung Verbier, im Schatten der Matterhorn Nordwand, immer im Bewusstsein, dass wir diverse Kontrollzeiten einhalten müssen, ansonsten droht das Aus. Dies als Vorsichtsmassnahme angesichts der hochalpinen Landschaft. So erreichen wir nach 2.50 Stunden die Anseilstelle bei Schönbiel (3 Stunden = Maximalzeit). 

Ab dort sind wir fix miteinander verbunden als Seilschaft, über den höchsten Punkt, die Tête Blanche auf 3650 m ü.M.; Gletscherbrüche, die eisige Spur wie auch eine weitere Portage, um die Brüche im Stockijgletscher zu umgehen, brauchen bereits viel Energie, dies alles im Licht der Stirnlampe. Auf gut 3300 m ü.M ziehen wir einen Wärmeschutz über, so dass der bereits stark beanspruchte Körper nicht auskühlt. Um 04.00 Uhr erreichen wir den höchsten Punkt der PDG, was aber noch keine Garantie bietet, dass man das Ziel in Verbier erreicht. Sofort werden die Felle «abgestrupft» (nicht ganz so elegant wie die Athleten an den Olympischen Spielen), in der Windjacke verstaut und los geht die Abfahrt, angeseilt hinunter zur Cabane de Bertol. Diese kann aber einmal mehr nicht direkt angefahren werden, da ist ebenfalls ein weiterer Gegenanstieg mit einer Portage im Weg. Eine Erleichterung gibt es an diesem Kontrollposten. Von dort weg ist das Seil im Rucksack von Rolf verstaut und wird nicht mehr gebraucht. Die Abfahrt hinunter nach Arolla ist mit vielen weiteren Hindernissen gespickt. Da ist einesteils das eisige Gelände mit wenig Grip auf den Tourenskis und viele Steine (vor allem ab Plan Bertol), und auch eine weitere Tragpassage unterbricht die flüssige Fahrt hinunter ins Tal. Gegenüber anderen Austragungen konnten wir immerhin den Kontrollposten in Arolla mit den Abfahrtsski direkt anfahren. Eine weitere Durchgangszeit schaffen wir 30 Minuten vor Kontrollschluss, dies mit persönlicher Verpflegungsstelle kurz vor dem Posten durch Marianne, der Frau von Rolf. 

Die Hälfte ist geschafft, aber noch lange sind nicht alle Strapazen vorbei
Die Verpflegung während des Wettkampfes ist ein wesentlicher Bestandteil des Wohlbefindens der Athleten. Dies musste Rolf schmerzlich erfahren, da bei ihm die Gel-Zunahme zum Erbrechen führte. Das heisst konkret, es sind keine Energiereserven mehr vorhanden! Und wir müssen doch weiter, die Zeit drängt! Der nächste Aufstieg hat es in sich, da geht es beinahe senkrecht entlang der Skipiste und dem Skilift la Fontanesse hinauf. Die Präparation der Piste wird jeweils am Vortag mit dem Pistenfahrzeug vorgenommen, dabei gefrieren die Rippen des gepressten Schnees und machen es den Wettkämpfern schwer, dort mit den Fellen Halt zu finden. Hans muss an dieser Stelle gar auf die Fussbesteigung umsteigen und auch Rolf kommt, natürlich ohne Energie, ebenfalls an den Anschlag der Kräfte, da sein Fell auch nicht überall den nötigen Grip gewährt. Mein Material ist vorzüglich und so kann ich recht entspannt diesen stotzigen Aufstieg meistern. Meine zwei Kameraden kommen in diesem Bereich an den Anschlag, doch Aufgeben gibt es nicht, so wird gekämpft bis zur Erschöpfung. Mein etwas Vorauseilen hat sie geweckt, sie kämpfen sich wieder heran, und so können wir die nächste Zeitkontrolle am Col du Riedmatten erfüllen. Am Col de Riedmatten ist wiederum eine Portage eingerichtet, dies ab der Kontrollstelle, die auf 2753 m ü.M. liegt, hinauf zum Kulminationspunkt auf 2918 m ü.M. und dann an fixen Seilen hinunter durch das Nordcouloir. Da trennt sich definitiv der Spreu vom Weizen, wer in Sachen Erfahrung im Gebirge etwas taugt. Nachher einmal mehr auf die Abfahrt mit Ski wechseln, ab dort geht es dann rasant weiter bis hinunter zum Lac des Dix (Stausee Grand Dixence). Vorbei an Kollegen, die weniger Glück haben in Sachen Material, einem der Patrouilliere ist der Ski gebrochen und muss mit dem Helikopter evakuiert werden, da dies eine der schlecht erreichbaren Stellen auf der Strecke ist. In anderen Jahren haben wir uns ab dieser Stelle im Skating-Stil bis nach La Barma durchgekämpft. Dieses Jahr fehlten die Kräfte, und so entschieden wir uns, die Felle aufzuziehen und die Strecke so zurückzulegen.

Y-Couloir Rosablanche, die Alpe d'Huez der PDG
La Barma (2458  m ü.M) ist wieder eine Zeitkontrollen-Stelle, 10.30 Uhr ist da Kontrollschluss, denn ab dort beginnt nochmals ein Aufstieg, der es in sich hat: im ersten Teil bei gleissender Hitze gleitend mit den Fellen, und der zweite Teil durch das berühmte Y-Couloir der Rosablanche als Portage hinauf auf 3192 m ü.M. Dieser Aufstieg ist mit beinahe 2800 Tritten bestückt und ist der zweitletzte Übergang der PDG. Was dort in Sachen Emotionen für uns Wettkämpfer abgeht, ist unbeschreiblich, dies ist vergleichbar mit der Alpe d'Huez an der Tour de France. Da auf dem Gipfel werden alle Ankommenden frenetisch applaudiert und angefeuert, Fahnen werden geschwenkt und mit Glockengeläute wirst du da die letzten Höhenmeter richtiggehend hinaufgepeitscht. Da verschwinden alle Strapazen und Schmerzen, man sieht ein Ziel. Nun kann man den Zeitdruck allmählich weglegen, denn ab der Rosablanche (Kontrollschluss 13.00 Uhr) schafft man den Zieleinlauf in Verbier (Zielschluss 17.00 Uhr). Dass man auch mit allem Möglichen und Unmöglichen in Sachen Verpflegung bedient wird, sei nur am Rande erwähnt. Da kann man auch die herrliche Bergkulisse der Walliser Alpen geniessen, dies an diesem Samstag bei Kaiserwetter. Doch auch da hält sich der Aufenthalt in Grenzen, einmal mehr Ski zur Abfahrt vorbereiten und los geht es, hinunter zur letzten «Anfell»-Stelle (Lac du Petit Mont Fort 2763 m ü.M.). Wieder dasselbe Prozedere, die Felle aus der Jacke und an die Ski montiert und nochmals hinauf zum Col de la Chaux (2939 m ü.M), im ersten Teil auf den Fellen und zum Schluss nochmals eine Portage in gleissendem Sonnenschein und einer Backofenhitze. Aber all diese Gegebenheiten können uns nicht mehr erschüttern, denn wir wissen, oben angekommen, können wir nur noch mit den Ski nach Verbier abfahren, auch wenn da und dort noch Stellen zum Skaten sind, und dann sind wir wie Gladiatoren, die in die Arena einlaufen. Ab der Talstation der Seilbahn Médran auf 1521 m ü.M bis zum Ziel auf 1491 m ü.M., gut 1 km quer durch das Dorf über die Teerstrasse, werden alle ankommenden Patrouillen gefeiert, als wären sie Sieger. Sieger sind sicher alle, die als Dreier-Team das Ziel erreichen. Wir als Glarner präsentieren unseren Landespatron, dies wird mit viel Freude wahrgenommen, und den Applaus nehmen wir mit Stolz entgegen. Dann der Moment des Zieleinlaufes, emotional, unbeschreiblich, all die Strapazen sind vergessen, wir fallen uns die Arme und gratulieren uns gegenseitig. Wir haben unser Ziel erreicht, zu dritt in Verbier einlaufen zu dürfen. Dieses Ziel haben auch noch sieben weitere Glarner Mannschaften geschafft. Vier davon bereits am ersten Start vom Mittwoch auf Donnerstag (Z1) und die Kleine PDG ab Arolla (A1) und die restlichen dann am Freitag auf Samstag (Z2). Dass dies aber nicht selbstverständlich ist, mussten zwei Mannschaften erfahren, sie mussten in Arolla die «Waffen» strecken, wieso und warum entzieht sich dem Schreiber.

Die PDG 2026 ist bereits Vergangenheit, doch das Erlebte wird all diese Wettkämpfer noch lange begleiten und wenn die Frage aufkommt, in zwei Jahren diese Strapazen wieder auf sich zu nehmen, was ist denn wohl die Antwort…… Vive la PDG! Einer, der die Antwort bereits 18-mal gegeben hat.

Hanspeter Klauser

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