Etwa seit der Entstehung der Schweiz - also seit ungefähr 800 Jahren – gibt es mechanische Uhren und Uhrmacher, welche diese Zeugen der Zeit und ihre Geschichte bewahren. Weltbekannt ist die Schweizer Uhrenindustrie im Jurabogen. Doch wurden wohl einst auch im Glarnerland Uhren gemacht.
Es ist schon Generationen her, dass der Grossvater von Kurt Jenni aus Schwändi nach Zürich Affoltern zog. Jennis Vater (*1921) war ausgebildeter Feinmechaniker und arbeitete zuerst als Schreibmaschinenmechaniker, bevor er Uhrmacher wurde. 1965 trat Kurt Jenni als Lehrling ins Uhrenfachgeschäft von Oscar Schwank in Zürich ein, 1982 übernahm er es und gründete die Uhren Bijouterie Jenni.
Wühlkiste
Zuweilen kommen Kunden aus dem Glarnerland ins Geschäft, in den 1960er-Jahren besuchte man ab und zu die entfernte Verwandtschaft, aber sonst waren Schwändi und das Glarnerland kaum mehr als eine Angabe im Pass unter «Heimatort». Bis zum Tag, als Uhrmacher Kurt Jenni eine Entdeckung machte. Ein Goldschmied, der ihn als Sammler von Spindeluhren kannte, bot ihm einen Karton davon zum Kauf an. Jenni wühlte, bis er auf einem der Zifferblätter «J. J. Jenny à Glaris» las. Ein Glarner Uhrmacher? Er kaufte die ganze Kiste. Seit einer Revision läuft das inzwischen 250 Jahre alte Kleinod wieder wie am ersten Tag. Ja mehr noch: Jahre später trieb Oscar Schwank für Jenni in Stockholm eine zweite Uhr des Glarner Uhrmachers auf.
Stolz
Sohn Marc Jenni – auch er ein Uhrmacher – klemmte sich hinter die Bücher. Aufgrund der stilistischen Ausführung liessen sich die beiden Taschenuhren in die Zeit um 1780 datieren. In der Genealogie fand sich ein «Johann Jakob Jenny». Er wurde am 19. Dezember 1753 als sechstes Kind von Gabriel Jenny und Barbara Trümpy geboren, war Bürger von Glarus, von Beruf Uhrmacher, blieb unverheiratet und verstarb am 23. Februar 1814 ohne Nachkommen. Das bestätigt J. J. Jennys Tätigkeit als Uhrmacher in Glarus, es ist wahrscheinlich, dass er die beiden Uhren gemacht hat, und plausibel, dass er sie im Kanton produzierte. «Zwar ist eine lokale Uhrmachertradition im Glarnerland bislang nur wenig dokumentiert», so Jenni. «Trotzdem bin ich stolz, so eine Uhr zu besitzen. Denn was hat man heute noch, das 250 Jahre alt ist und das man in den Hosensack nehmen kann? Eine Uhr zu finden ist schon speziell, aber eine Uhr mit dem eigenen Namen und dazu noch eine, die einen Bezug zur Familie hat …» Deshalb will Jenni die Uhren möglichst im Originalzustand belassen, solange sie funktionieren.
Die Verbindung suchen
«Ich habe selbst Uhren unter meinem Namen gemacht, so konnte ich als Mitglied der AHCI - Akademie selbstständiger, schöpferisch tätiger Uhrmacher mein Handwerk nach aussen tragen. Da ich Kreativität brauche, arbeite ich nach wie vor für private Labels.» Und was ist Jennis Beziehung zu Schwändi? «Ich wohne im Kanton Waadt, bin in Zürich geboren, die Familie kommt von Glarus - das ist meine Geschichte. Als die Schweiz 1991 ihr 700-Jahr-Jubiläum feierte, waren wir nach Schwändi eingeladen - damals war ich 14 Jahre alt. Vor sechs Jahren fuhr ich mit der Familie im Camping Car hin. Ich wollte meinen Kindern zeigen, wo dieses Schwändi – ihr Heimatort – liegt.» Im Geschäft hängt eine Pendule von Pierre Le Roy, dem Uhrmacher des Königs, hergestellt um 1740. «Uhrmacherei und Geschichte sind eng verbunden, wir Uhrmacher schwelgen in der Vergangenheit. Es gibt seit gut 800 Jahren mechanische Uhren und wir bewachen diese Zeitzeugen.»
Unabhängig bleiben
Seit über 60 Jahren gibt es das Uhrenfachgeschäft in Zürich, das Marc Jenni mitten in der Coronapandemie übernahm. In der Waadt plant und baut er mit seiner Nobletime Ltd. exklusive Uhren, die für den Besteller massgeschneidert werden. «Heute wird es anspruchsvoller, Uhren zu reparieren», so Jenni. «Jüngere Uhrmacher benötigen ein gut ausgestattetes Atelier, und für viele Marken sind spezifische Zertifizierungen erforderlich. Das stellt unabhängige Uhrmacher vor neue Herausforderungen. Wir legen grossen Wert darauf, unser Wissen an die nächste Generation weiterzugeben.» So gibt Kurt Jenni - inzwischen 76 - sein Know-how an zwei junge Uhrmacher (24 und 26 Jahre alt) weiter. Die Uhr hat einen Wert», sagt Marc Jenni. «Dazu gehört auch der emotionale Teil. Viele wollen sie reparieren lassen, selbst dann, wenn der materielle Wert der Uhr unter den Kosten einer Reparatur liegt.» Deshalb ist es so wichtig, die Kompetenz der Uhrmacherei und die Familientradition weiterzuführen. Sie sind - unverbrüchlich und über zwei historische Taschenuhren – mit dem Glarnerland verbunden.
FJ


