Glarner Architektur überrascht die Schweiz. Erstmals überhaupt haben es gleich fünf Glarner Architekturprojekte ins Schweizer Architekturjahrbuch SAY geschafft. Darunter ein uraltes Haus, das von einem leidenschaftlichen Hobbyhandwerker umgebaut wurde.
Bis Mitte Mai gastiert im Museum des Landes Glarus, im Freulerpalast in Näfels, eine Wanderausstellung. Zu sehen sind 158 Architekturprojekte aus der ganzen Schweiz. Diese wurden von einer Fachjury ausgewertet und im neuesten Schweizer Architekturjahrbuch, kurz «SAY» vorgestellt. Fünf Glarner Architekturprojekte haben es in das Buch geschafft.
Zeigen, was wir haben
«Das ist speziell», sagt Reto Fuchs, Glarner Architekt und Inhaber des Atelier Freienstein in Glarus. Er war mitunter dafür verantwortlich, dass die Wanderausstellung ins Glarnerland kam und nun auch bereits verlängert wurde. Normalerweise wird die Ausstellung nur in grossen Ballungszentren gezeigt. Es ist bemerkenswert, dass der Kanton Glarus mit fünf nominierten Projekten vertreten ist. Das bedeutet, dass das Glarnerland auch architektonisch wahrgenommen wird. «Das Augenmerk gilt also auch dem ländlichen Raum, ausserhalb der Zentren», sagt Fuchs. «Wir können stolz darauf sein, man darf wissen und sehen, dass nicht nichts läuft bei uns.»
Haus aus dem Jahr 1763
Eines der Projekte, das im Jahrbuch besondere Erwähnung findet, ist das Haus von Jürg Steger. In seinem Berufsleben war Jürg Steger Zahnarzt, aber nur bis er 56 Jahre alt war. Seit mehr als 30 Jahren renoviert er nun alte Häuser. «Meine Tochter kauft, ich renoviere.» Seine Tochter wohnt gleich nebenan, ebenfalls im Eichenquartier, im ältesten Haus von Glarus. Er renoviert gerne spezielle Häuser, kunterbunte und eben vor allem alte. «Ich schlafe nicht gerne in modernen Häusern», sagt er.
Kein Anspruch auf Perfektion
Bei seinen Renovationen achtet der leidenschaftliche Hobby-Handwerker auf vernakuläres Bauen. Das heisst, man baut mit dem, was man hat – was schon verwendet ist oder wurde. Versuch und Irrtum sind die Wurzeln dieser traditionellen Bauart. Steger hat das Haus aus dem Jahr 1763 vor fünf Jahren gekauft, niemand wollte es, es stand 30 Jahre lang leer. Ein Jahr später ist er mit seiner Frau Heidi eingezogen.
Moderne Technik werde überschätzt, auch mit alten Mitteln liessen sich Wohlfühlhäuser realisieren. «Damals wie heute ist für vernakuläres Bauen wichtig, den Anspruch auf Perfektion etwas schleifen zu lassen, oder wie Jürg Steger sagt: «den ursprünglichen Groove behalten.»
Vollgas im Alleingang
Jürg Steger hat alle Maurer- und Schreinerarbeiten selber gemacht. Unterstützt wurde er von Maurin Bisig, der auf traditionelles Handwerk spezialisiert ist. Beim Umbau war er 83 Jahre alt, seine Frau Heidi, von der die Inneneinrichtung und «das Dekorative» stammt, bereits 85 Jahre. Nur die Haustechnik und das Dach hat er von Experten machen lassen. Das Glarner Architekturbüro Lando Rossmaier stand ihm zur Seite, allerdings war Steger jeweils so schnell mit der Umsetzung, dass er den Architekten immer einen Schritt voraus war. Umso erfreulicher ist nun die Anerkennung im Jahrbuch, die sich Jürg Steger nur mit ganz wenigen teilen muss. «Ich bin schaurig stolz», sagt er und weist nochmals darauf hin, dass auch das Unvollkommene gut sein kann.
Weitere Projekte made in GL
Neben Jürg Stegers Haus haben die Juroren für das Architekturbuch weitere Glarner Umbauprojekte selektiert oder nominiert: Das Café Beuge in Näfels, das Schulhaus Erlen in Glarus, der Rosengarten in Netstal und der Park Freienstein in Glarus, den Reto Fuchs vom Glarner Atelier Freienstein umgesetzt hat. Der Park Freienstein wurde von der Jury als eines der lediglich 30 Projekte ausgewählt, die im Buch vertieft besprochen werden. Der Park verbindet altes und neues Wohnen und wird gewürdigt, weil das historisch alte Haus, der Garten und die neue Überbauung zukunftsfähig miteinander verbunden wurden.
Die Wanderausstellung ist noch bis am Sonntag, 17. Mai, im Museum des Landes Glarus, in der Remise des Freulerpalastes zu Gast und lädt ein, die ausgezeichnete Baukultur vor der eigenen Haustür zu entdecken. Wem das zu trocken ist, kann sich auch mit den 60 000 Legosteinen auseinandersetzen, die im Museum auf grosse und kleine Bauherren und Bauherrinnen wartet.
Tina Wintle


