Verantwortung für die Zukunft

Die katholische Prozession bewegt sich von Glarus Richtung Näfels. (Foto 2022: Søren Ehlers)

Im Kanton Glarus fand am Donnerstag, 9. April die Näfelser Fahrt statt, im Gedenken an die Schlacht bei Näfels im Jahr 1388. In seiner Fahrtsrede ruft Landammann Kaspar Becker die Mitlandleute dazu auf, Verantwortung zu übernehmen, gerade auch in einer zunehmend turbulenten Weltlage.

Hochgeachteter Herr Landesstatthalter
Hochvertraute, liebe Mitlandleute
Liebe Gäste

Es ist mir eine grosse Ehre und Freude, die Fahrtsrede 2026 halten zu dürfen – eine Gedenkrede anlässlich eines für uns Glarnerinnen und Glarner sehr wichtigen Jahrestages.

An der Näfelser Fahrt erinnern wir uns daran, welch turbulente Zeiten die Glarnerinnen und Glarner im 14. Jahrhundert erlebt haben. Das Land Glarus war einst Spielball fremder Mächte, hin- und hergerissen zwischen dem Bund mit eidgenössischen Orten und der habsburgischen Herrschaft. Mit dem Sieg in der Schlacht von 1388 ebneten sich die Glarner den Weg zur vollwertigen Integration des Landes Glarus in die Schweizerische Eidgenossenschaft. Sie zeigten Widerstandsgeist und Freiheitswille, in der Hoffnung, ihr Leben zum Besseren verändern zu können.

Und heute, über 600 Jahre später? Heute ist das Geschehen auf der Welt nicht minder turbulent. Die Welt scheint zunehmend aus den Fugen zu geraten. Viele der grössten Länder werden von Egoisten und Narzissten regiert, die sich eiskalt lächelnd über geltendes Recht hinwegsetzen. Katastrophen und Kriege, zum Teil vor unserer Haustür, dominieren die Nachrichten. Immer direkter wirken sich diese Ereignisse auf unsere Wirtschaft, auf unsere Gesellschaft, ja auf jede und jeden von uns aus. Es fällt einem immer schwerer, optimistisch und hoffnungsvoll in die Zukunft zu schauen. Der Mensch sehnt sich aber nach einer guten, gerechten Welt, einer Welt, die auch unseren Nachkommen eine lebenswerte Grundlage bietet, in der sie sich wohl fühlen und entfalten können.

Antoine de Saint-Exupéry hat gesagt «Die Zukunft soll man nicht voraussehen wollen, sondern möglich machen». Diese Weisheit sollen wir uns alle zu Herzen nehmen. Denn wer, wenn nicht wir, -Glarnerinnen, Glarner, Schweizerinnen, Schweizer - hat bessere Voraussetzungen, die Zukunft möglich zu machen? Wir haben das Glück, in einem Land zu leben, das Eigenverantwortung, Initiative, neue Denkansätze und Visionen fördert. Wir profitieren von einer stabilen politischen Situation und unsere finanzielle wie auch wirtschaftliche Kraft bietet uns eine eindrückliche Basis, um unsere Zukunft aus einer Position der Stärke heraus gestalten zu können. Die Vergangenheit hat immer wieder gezeigt, dass sich unsere Schweiz in Zeiten von grossen, internationalen Krisen gut behaupten kann und die Herausforderungen häufig besser als andere Länder meistert. Die Frage stellt sich nun, ob wir auch weiterhin bereit sind, gemeinsam die richtigen Weichen zu stellen. Gemeinsam den richtigen Weg zu finden. Die Frage stellt sich, ob wir bereit sind, neue Denkansätze, die heute unsere Vorstellungskraft vielleicht noch sprengen, zuzulassen, zu entwickeln und zu verfeinern. Und es stellt sich die Frage, ob wir bereit sind, einmal mehr alle zusammen, als Gesellschaft, über uns hinauszuwachsen. Erlauben Sie mir dazu zwei kritische Gedanken.

«Wir amüsieren uns zu Tode». Zu diesem Fazit gelangte im Jahre 1985 der amerikanische Soziologe Neil Postman. Lange stand der Satz als Metapher dafür, wie Medien und Unterhaltungsindustrie unser Leben bestimmen. Die Gründe liegen aber wohl tiefer. Unsere Gesellschaft hat sich in letzter Zeit hin zu einer Spassgesellschaft entwickelt, die von wachsendem Individualismus geprägt ist. Vergnügung und Konsum stehen an oberster Stelle. Diese Freuden der Unterhaltung und der Warenwelt sind kein Selbstzweck. Sie sind Mittel, um dem Leben einen Sinn zu geben. Eine auf Ablenkung fokussierte Gesellschaft wird aber nichts Neues erfinden, sich nicht entwickeln, nicht über sich hinauswachsen. Im Gegenteil – stockt der Nachschub an Unterhaltung und Materiellem, entsteht eine Sinnkrise, ein wichtiger Inhalt des Lebens entfällt.

Mein zweiter Gedanke – der deutsche Soziologe Hartmut Rosa stellt Anfangs Februar in einem Artikel in der NZZ die Frage, «wie wir zurück zur Selbstbestimmung finden». Wir alle unterwerfen uns im Alltag immer öfter Vorgaben aller Art, oft sogar freiwillig. Und damit meine ich nicht staatliche Vorgaben, sondern informelle Regeln, standardisierte Abläufe oder Kontroll-Apps, welche zum Beispiel Schritte und Kalorien zählen. Hartmut Rosa erkennt, dass wir immer mehr von Handelnden zu Vollziehenden werden. Wir bewegen uns im täglichen Leben in fix definierten Leitplanken. Wir befolgen Regeln, geben Daten ein und klicken Kästchen an. Wir lassen uns von Parametern und Algorithmen bestimmen. Das ist nicht dasselbe wie handeln. Beim «Vollziehen» spielen eigene Erfahrung, Absichten oder Gefühle keine Rolle. Sogar komplexe Lebenssituationen werden oft auf ein einfaches Schwarz-Weiss-Denken reduziert. Der Handlungsspielraum wird kleiner oder verschwindet – und somit unsere Kreativität, unsere Vorstellungskraft und schlussendlich das, was uns menschlich macht. Wer nur noch vollzieht, wird keine Weichen stellen, keine neuen Denkansätze entwickeln und nicht über sich hinauswachsen.

Hochvertraute liebe Mitlandleute, geschätzte Gäste
Die politischen, sozialen und gesellschaftlichen Herausforderungen, denen wir uns zu stellen haben, sind vielfältig. Wenn wir bloss Vorgaben vollziehen, schalten wir unser Know-how, unsere Urteilskraft und unsere Gefühle aus. Und wenn wir Spass und Konsum in den Vordergrund rücken, bleibt der Fortschritt auf der Strecke.

Arbeiten wir daran, dass wir unsere Handlungsspielräume nicht aufgeben. Machen wir es uns nicht zu bequem - amüsieren wir uns nicht zu Tode! Hinterfragen wir Regeln. Hinterfragen wir Abläufe und bringen wir die Energie auf, den sich aufbauenden Widerständen zu begegnen. Wir erhalten alle die Gelegenheit, die Zukunft möglich zu machen, besonders in unserem privaten Umfeld. Wir dürfen uns am Arbeitsplatz aktiv einbringen, dürfen neue Denkansätze entwickeln und verfeinern. Und wir haben in der Schweiz und ganz besonders im Glarnerland einmalige demokratische Rechte. Mit all diesen Rechten gilt es verantwortungsvoll und sorgfältig umzugehen. Sie nicht zu nutzen wäre aber ein grosser Fehler und würde unseren Vorfahren, die hier im Schneisingen für diese Rechte gekämpft haben, nicht gerecht. Und es wäre insbesondere unseren Nachkommen gegenüber nicht recht, wenn wir diese Privilegien nicht weiterhin nach bestem Wissen und Gewissen nutzen und pflegen.

Übernehmen wir Verantwortung auf allen Stufen und in verschiedensten Situationen. Und ja – erlauben wir uns auch, Fehler zu machen, ohne dass gleich nach Konsequenzen gerufen wird. Nutzen wir unseren Handlungsspielraum im Beruf und im Privaten. Meistern wir so gemeinsam die anstehenden Herausforderungen.

Liebe Mitlandleute, dieser Einsatz lohnt sich.  Wir alle, die sich hier und heute versammeln, profitieren von grossen Privilegien. Wir leben trotz all den Wirren um uns herum noch immer in Frieden und Sicherheit. Wir können uns jederzeit auf eine hervorragende Gesundheitsversorgung verlassen. Die soziale Sicherheit ist hoch, die Bildung bietet ausgezeichnete Chancen für den Berufs- und Lebensweg. Auf unsere Infrastruktur ist Verlass. Oder zusammengefasst und uf Glarnertüütsch:

«Mir händs da uuuheimli schüü und eländ guät».

Und auch wenn wir uns nicht zu Tode amüsieren – freuen wir uns am Leben – mit Bedacht und im Wissen darum, dass es unsere Pflicht ist, «die Zukunft zu machen». Für unsere Kinder und Kindeskinder.

In diesem Sinne bitte ich für Land und Volk von Glarus um den Machtschutz Gottes.
(Es gilt das gesprochene Wort)

Kaspar Becker, Landammann.

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