Die Glarner Landfrauen luden in Ennenda zum öffentlichen Informationsnachmittag über Burn-out. Die Mentorin und vierfache Mutter Agnes Betschart berichtete offen von ihrer Krankheit.
«Burn-out ist ein wichtiges Thema, gerade in der Landwirtschaft. Wir haben mit 12 Prozent doppelt so viele Erkrankungen wie andere Branchen», eröffnet die 55-jährige Agnes Betschart ihren Vortrag.
Ende Oktober 2014 erhielt Agnes Betschart die Diagnose. Drei Monate verbrachte sie in einer Klinik, neun Monate war sie 100 Prozent arbeitsunfähig und es dauerte dreieinhalb Jahre, bis sie wieder auf einem guten Energielevel war. «Ich habe sehr lange gewartet, bis ich mir Hilfe geholt habe und bin darum auch sehr weit unten gelandet. »
Ihren Landwirtschaftsbetrieb von 11 Hektaren bezeichnet sie als klein aber aufwendig, da alles Land steil ist. Mit Mutterkühen und Schafen sowie Hochstammbäumen wird der Betrieb geführt, während ihr Mann zusätzlich als Klauenpfleger unterwegs ist.
Resultat von 21 Jahren Energieverbrauch
Vor dem Burn-out machte Agnes an vier Orten Freiwilligenarbeit, zusätzlich zum Betrieb und der Kindererziehung. Gleich zu Beginn lässt sie die Anwesenden ein persönliches Ranking erstellen: «Wer oder was ist das Wichtigste in meinem Leben?» Dabei wird nummeriert von Kindern, Arbeit im Betrieb oder auswärts, über Partner, ich, Geschwister, Freunde oder Eltern. Auf dieses Ranking kommt sie zum Schluss zurück.
Es sind engagierte, ehrgeizige Menschen, die oft über ihre persönliche Leistungsgrenze hinausgehen, die Burn-out-gefährdet sind. «Die körperliche, emotionale und geistige Erschöpfung ist extrem.» Während des Kochens wurde Betschart teilweise so müde, dass sie sich hinlegen musste. Erholung war nicht mehr möglich. «Im fortgeschrittenen Stadium kann es zu einer starken Depression kommen, die sogar zur Suizidgefahr führt.» Die sogenannte Erschöpfungsdepression kann zu bleibenden Schäden führen, so hat Agnes Betschart seit ihrer Erkrankung auf beiden Ohren einen Tinnitus.
«Es ist kein Versagen oder Scheitern. Es ist das Verfolgen falscher Strategien », so Betschart. «Mach schneller, dann geht noch mehr», war damals ihre Überzeugung. Ein Burn-out sei das Resultat von vielen Jahren, bei ihr waren es 21 Jahre, Energieverbrauch. Das holte sie vor über zehn Jahren ein.
Von der Überholspur in die Leere
«Es war der Ruf meiner Seele – um Veränderung herbeizuführen war ein Zusammenbruch nötig.» Hohes Engagement, hohe Erwartungen, geringe Veränderungs- und Distanzierungsbereitschaft, Ängstlichkeit, externe Kontrollüberzeugung, defensive Problembewältigung und Perfektionismus sind persönliche Ursachen von Burn-out. «Ich war unterwegs wie auf der Autobahn », erinnert sich Agnes Betschart. Die vier Kinder waren im Betriebsalltag immer mit dabei, teilweise im Reisebett oben am Steilhang beim Heuen. Angefangen habe es jedoch bereits in der Kindheit, als sie im Alter von vier Jahren die Mutter bei der Hausarbeit unterstützte. Bei Überforderung anderer Menschen das Zepter zu übernehmen, wurde zum Muster. Ein Muster, das sie mit 44 Jahren aus der Bahn warf.
Maschine wäre längst kaputt
Die zwölf Stadien eines Burn-outs gehen vom Zwang, sich zu beweisen über die Umdeutung von Werten bis zum Rückzug, zur inneren Leere und schliesslich zu einer völligen Erschöpfung. «Heute weiss ich, dass es nicht gesund ist, Konflikte immer zu schlucken », erinnert sie sich, und auch daran, wie sie im Mai 2014 erstmals einen Hörsturz hatte. Ein Moment blieb ihr besonders: Einst blickte sie beim Heuen nach unten zum Verlad des Heus durch den Transporter und dachte, dass eine Maschine längst kaputt wäre.
Für Betschart kam der völlige Zusammenbruch, als sie nicht mehr fähig war, sich beim Einkaufen im Laden zu entscheiden, was sie in den Einkaufskorb legen sollte. Als sie sich endlich zu einem Arztbesuch durchgerungen hatte, kam das lange Warten auf einen Therapieplatz. Das stellte die ganze Familie auf eine weitere harte Probe.
Maximal 50 Minuten verplanen
«Mir geht es heute wieder gut, obwohl ich sehr weit unten war. Aber ich durfte ganz viel verändern», legt Agnes Betschart den grösstenteils aus der Landwirtschaft kommenden Zuhörerinnen und Zuhörern nahe.
Antidepressiva können ein erster Schritt sein, um wieder auf ein Niveau zu kommen, auf dem man überhaupt an sich arbeiten könne. 13 Wochen Klinikaufenthalt und im Anschluss Betreuung durch die psychiatrische Spitex waren ein Teil der Genesung. Aber auch Verhaltensmuster und vor allem die Arbeitsbelastung im Alltag so zu gestalten, dass die psychische Gesundheit längerfristig bleibt, sei ein laufender Prozess. «Im Normalfall reicht ein ‹gut›. ‹Müssen› und ‹schnell› sind Wörter, die Druck auslösen», lädt sie ein, eigene Ausdrucksweisen zu überdenken. Jährlich die Arbeitsbelastung zu überprüfen sei wichtig, denn irgendwann seien überall weniger Leute auf dem Hof, aber die Arbeit bleibe die Gleiche. Veränderung fängt bei Kleinigkeiten an. Wird heute bei Betscharts eine unaufschiebbare Arbeit am Sonntag erledigt, machen Agnes, und mittlerweile auch ihr Mann, ganz bewusst einen Tag unter der Woche frei. «Veränderung ist wie Muskeltraining, man muss dranbleiben», sagt Agnes, die heute darauf achtet, nur 50 Minuten einer Stunde zu verplanen und auf Multitasking zu verzichten.
Die wichtigste Erkenntnis aus ihrer Burn-out-Erfahrung ist die Verantwortung für sich selbst. «Ich muss keine Leistung erbringen, um etwas wert zu sein», lässt sie zum Schluss die Anwesenden ihr persönliches Ranking und den Platz des Punktes «ich» überdenken.
Barbara Bäuerle-Rhyner


