Klang und Raum

Hundertstimmig beeindruckten Glarner Kammerchor und Kammerchor Seftigen ihr 800-köpfiges Publikum. (Foto: FJ)

Am Samstag war in der Stadtkirche h-Moll-Messe und der Kirchenraum bis auf den letzten Platz gefüllt für einen Gottesdienst, der die Worte der lateinischen Messe bis ins letzte Geheimnis musikalisch ausmalt.

Ob man Bachs h-Moll-Messe eher als Predigt oder als Musikstück hören soll, daran scheiden sich die Geister genauso, wie ob man ihn mit einem grossen Oratorienchor (mit 120 Stimmen und mehr) oder quasi kammermusikalisch, also nur mit einer Handvoll Stimmen pro Register interpretiert, ob man ihn vibratolos spielen soll oder ob barocke oder moderne Stimmung. ­Patrick Secchiari hatte sich – mit dem Glarner Kammerchor und dem Kammerchor Seftigen – für die «wohlbestallte Kirchenmusik» entschieden, also für einen vielstimmigen Chor, der den Raum der Stadtkirche erfüllen konnte. Das Werk war für ihn ein Highlight seiner Kar­riere und auch die vielen Sängerinnen und Sänger hatten sich gewissenhaft vorbereitet und diesem Ereignis entgegengefiebert.

Ob die Mehrzahl der Zuhörenden eher das musikalische Werk erlebten oder die darin verborgene Predigt zur Ehre Gottes, dazu hätte man beim Ausgang eine Umfrage machen müssen, und da stand ja schon Altistin Christina ­Daletska und sammelte – in eine Ukraineflagge gewickelt – für die Opfer des Krieges. Neben ihr übernahmen Sopran Chelsea Zurflüh, Tenor Raphael Höhn sowie Bass Konstantin ­Ingenpass die solistischen Parts im Gesang und das Barockorchester Capriccio die unglaublich virtuosen Passagen, insbesondere auch die Instrumentalsoli. Bei vielen Stücken wählte Secchiari die Tempi rasch, was das grosse Ensemble bis zum Äussersten forderte, bei manchen Stücken – etwa beim Sanctus – half der Kirchenraum mit seinem langen Hall, sodass gerade hier dieser schwebende Charakter der Heilig-rufenden Engelschöre besonders gut zur Geltung kam. Verlässt man sich auf die teilweise vor Glück strahlenden und hüpfenden Sängerinnen nach dem Konzert und auf die geradezu andächtig den Kirchenraum verlassenden Menschen, so hat dieses riesige Werk seinen Eindruck in der riesigen Stadtkirche so nachhaltig hinterlassen, wie der Komponist dies sich einst erträumt haben mag. 

FJ

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