Am Samstag, 7. März, wird die imposante Stadtkirche Glarus zum Klangraum für ein noch imposanteres Werk: Die h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach – ein Werk, das den Rahmen eines jeden Gottesdienstes sprengt und das doch in Tausenden von musikalischen Wegen hinauf zum Himmlischen zu führen vermag.
Die komplette Uraufführung der h-Moll-Messe (BWV 232) fand erst 1835, lange nach Bachs Tod, in Leipzig statt. Die Originalpartitur dieses Werkes, das über die ungewöhnlich lange Zeitdauer von 20 Jahren entstand, gehört heute zum Weltdokumentenerbe der UNESCO, der erste Herausgeber Hans Georg Nägeli (der Zürcher Sängervater Nägeli) war überzeugt, dass die Messe in h-Moll eines der anspruchsvollsten chorsinfonischen Werke und darüber hinaus «das grösste musikalische Kunstwerk aller Zeiten und Völker» sei. Kein Wunder also, dass es der Glarner Kammerchor und der Kammerchor Seftigen unter der Leitung von Patrick Secchiari leidenschaftlich und ambitioniert einüben, «um das Publikum mit dieser eindringlichen, berührenden und tänzerischen Musik zu beglücken.» 140 Mitwirkende, zwei Laienchöre und das renommierte Capriccio Barockorchester, werden mit den Solisten Chelsea Zurflüh (Sopran), Christina Daletska (Alt), Raphael Höhn (Tenor) und Konstantin Ingenpass (Bass) ein Meisterwerk präsentieren.
Den Zugang finden
Dass Bach sich ein Monument aus eigenen Kompositionen schuf, das dann 85 Jahre schlicht vergessen war, bevor man es entdeckte, das seither aber immer und immer wieder aufgeführt wird, sagt viel über Menschen als Zuhörende aus. Es gab zu allen Zeiten populäre Komponisten – so etwa Telemann und Händel zur Zeit Bachs, entthront von den Mozarts und Beethovens oder die Beatles und die Rolling Stones zu Zeiten von Bob Dylan und Leonard Cohen. Ob man nun Metallica hört, Kurt Cobain oder Justin Bieber und Abba – es ist eine Frage des Glaubens, des Geschmackes, der Schicht und der Gruppe, der man sich zugehörig fühlt. Über all dem aber gibt es eine Klammer, einen Komponisten, der die Form in eine Vollkommenheit geführt hat, welche seither unerreicht ist. Jene, die Musik studieren, die sich mit den Formen auskennen, werden die Klarheit und den Kunstsinn bewundern, mit denen Bachs Werk über allem strahlt, so wie sie auch die Architektur der Stadtkirche bewundern. Andere dagegen suchen in der Kirche und in der Musik eine Heimat – und auch dafür ist die h-moll-Messe ein Zugang, dank ihrer klanglichen Vielfalt und der immer wieder neuen Zusammensetzung von menschlicher Stimme und Instrument. Wer Innerlichkeit und innigen Zusammenklang liebt, wird sich im Credo aufs Duett «Et in unum dominum jesum christum» freuen, wer an Bach die festliche Trompete liebt, den wird – nach dem Kyrie in h-Moll – das Gloria von den Socken hauen. Und wer sich mehr für Jazz interessiert und eine Chorfuge mit swingendem Basslauf zu schätzen weiss, den wird das «Credo in unum deum» für sich einnehmen.
Ein Muss für alle
1733 bewarb sich Bach mit den Stimmen von Kyrie und Gloria um den Titel eines sächsischen Hofkompositeurs, der ihm 1736 auch verliehen wurde. Die Frage, aus welchem Grund Bach zum Ende seines Lebens eine vollständige lateinische Messe zusammenstellte, und zudem eine, die den liturgischen Rahmen des damaligen lutherischen Gottesdienstes bei Weitem sprengte, ist nicht geklärt. Es ist aber gut vorstellbar, dass Bach – im Bewusstsein seiner historischen Stellung – der Nachwelt eine vollständige Messe hinterlassen wollte. Deshalb gibt es ein Werk, das jeder eingefleischte Musikfan in seinem Leben wenigstens einmal gehört haben sollte. Selbst wenn sie oder er sonst keinen Zugang zu Messen haben.
FJ


