Als der Kilchenstock drohte

Emil Zopfi präsentierte in der Baeschlin Buchhandung seinen historischen Roman «Kilchenstock: Der drohende Bergsturz». (Foto: Juliane Bilges)

Am 19. Februar las Emil Zopfi in der Baeschlin Buchhandlung aus seinem neu aufgelegten historischen Roman «Kilchenstock: Der drohende Bergsturz», der nun im AS Verlag erschienen ist. Bereits 1996 war das Werk im Limmat Verlag publiziert worden. Für die Neuveröffentlichung war es Zopfi ein besonderes Anliegen, den Text um historisches Bildmaterial zu ergänzen.

Der Roman führt zurück in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, als über der Gemeinde Linthal eine gewaltige Felsmasse am Kilchenstock abzubrechen drohte. Im Gipfelbereich hatten sich grosse Gesteinspakete gelöst, Bewegungen wurden vermessen und protokolliert. Es handelt sich um den ersten wissenschaftlich begleiteten Felssturzvorgang der Schweiz. Die Bedrohung versetzte die Bevölkerung in Angst und Unsicherheit. Für Zopfi steht dieses historische Ereignis exemplarisch für eine zeitlose Frage: Wie reagieren Menschen in Krisensituationen?

Pfarrer Frey
Im Zentrum des Romans steht Pfarrer Frey, eine Figur, die auf einer realen Person basiert. Tatsächlich wollte damals kaum jemand die Pfarrstelle am Fusse des Kilchenstocks übernehmen, zu gross war die Ungewissheit angesichts des drohenden Bergsturzes. Pfarrer Frey soll rund hundert Mal auf den Berg gestiegen sein, um sich selbst ein Bild von der Lage zu machen. Zopfi betonte während der Lesung, dass praktisch alle im Roman vorkommenden Personen tatsächlich gelebt haben. Er habe keine Figuren erfinden wollen, sondern sich intensiv durch Akten und Dokumente gearbeitet und auf dieser Grundlage literarisch erzählt.

Evakuierung
Eine zentrale Rolle spielt auch der Schweizer Geologe Albert Heim, der dem Regierungsrat dringend empfahl, mit einem Absturz zu rechnen. Schliesslich wurde die Evakuierung beschlossen: Rund 60 Familien mussten ihre Häuser verlassen und in errichteten Baracken bei der Braunwaldbahn Zuflucht suchen. Nicht alle jedoch waren bereit zu gehen, denn manche waren überzeugt, dass kein Bergsturz eintreten werde. Andere wiederum beobachteten genau, wie sich Pfarrer Frey verhalten würde. Er selbst war hin- und hergerissen, galt als Beschwichtiger, pflegte jedoch auch eine enge Beziehung zu Heim. Am Ende musste sogar das Militär aufgeboten werden, um einzelne Bewohner zur Evakuierung zu bewegen.

Bergsturz blieb aus
Die dramatische Prognose Heims erfüllte sich letztlich nicht. Zwar bröckelte immer wieder Gestein vom Kilchenstock, doch ein verheerender Bergsturz blieb aus. Die Gemeinde hatte vorsorglich einen Schutzdamm errichtet, der kleinere Abbrüche auffing. Einige Jahre später gaben andere Experten Entwarnung. Selbst das Klausenrennen wurde trotz vereinzelten Steinschlags durchgeführt.

Zopfis persönlicher Bezug zum Stoff verleiht dem Roman zusätzliche Tiefe. Seine Mutter wuchs in Rüti am Fuss des Kilchenstocks auf, seine Eltern erlebten die damaligen Ereignisse mit und erzählten ihm davon. Auch ihre Liebesgeschichte hat Zopfi so, wie er sie sich vorstellt und aus Erzählungen kennt, in den Roman eingeflochten.

Berg wird zur Metapher
In der Lesung wurde deutlich, dass «Kilchenstock» weit mehr ist als die literarische Aufarbeitung eines beinahe eingetretenen Naturereignisses. Für Zopfi wird der Berg zur Metapher: für die latente Bedrohung, mit der Gesellschaften leben. Obwohl die geschilderten Ereignisse viele Jahre zurückliegen, erscheinen sie heute aktueller denn je – angesichts von Klimawandel und Naturgefahren, deren Ausmass oft schwer einzuschätzen ist – wie wir das auch von der Wagenrunse in Schwanden her kennen. Die Geschichte vom drohenden Bergsturz über Linthal wirkt so exemplarisch für den Umgang des Menschen mit Angst, Prognosen und Verantwortung.

Juliane Bilges

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