Plädoyer für Engagement

Spannendes Referat von Mathias Zopfi zur kommunalen Milizarbeit. (Foto: Martin Beglinger)

Kommt unseren Gemeinden der Gemeinsinn abhanden? Die Ausgangsfrage, die die Volkshochschule Glarus ihrem Referenten, Ständerat Mathias Zopfi, kürzlich gestellt hat, mag düster klingen. Doch es gibt genügend Anzeichen, dass die Gemeinden – das Fundament unserer Demokratie – in der Krise stecken.

Zopfi, seit 2024 Präsident des Schweizerischen Gemeindeverbandes und früherer Gemeinderat von Glarus Süd, kennt die Warnsignale selber bestens. 1950 gab es 3100 Gemeinden, heute sind es noch 2100. Neue Leute sind immer schwieriger für Ämter zu finden, die Ansprüche an die Behörden steigen, der Umgangston ist schärfer geworden, die Wertschätzung bröckelt, die Stimmbeteiligung ist tief. Doch Zopfi wäre nicht der überzeugte Förderalist und Optimist Zopfi, würde er sich nun einfach zu einer Verklärung der Vergangenheit hinreissen lassen.

Sein Referat im Hotel Post Glarnerhof beginnt mit einer Anekdote aus den 1960er Jahren, als der damalige Gemeindeschreiber von Elm ein Warnplakat zur Maul- und Klauenseuche machen musste: «Wer seinen Hund frei laufen lässt, der wird erschossen. Gezeichnet: Gemeinderat.». Das war suboptimal formuliert, der Gemeindeschreiber musste handschriftlich nachbessern: «Wer seinen Hund frei laufen lässt, der wird erschossen, der Hund.» Zopfis Fazit: Das Problem wurde gelöst, etwas handglismet zwar, dafür ohne grossen Aufwand. «Unsere Gemeinden leben davon, dass man auch einmal äs Füüfi grad sii laat. Dass man also nicht Perfektion verlangt, sondern die Lösung am Resultat misst.»

Ein «Füüfi grad sii luu» heisse aber nicht, sich der Verantwortung zu entziehen, sondern setze eine Vertrauenskultur voraus, in der Fehler weder verharmlost noch vorschnell (medial) skandalisiert werden. Wie unendlich schwierig das in der Praxis sein kann, illustrierte Zopfi an der Brandkatastrophe in der Gemeinde Crans Montana.

Fast schon ideal, so Zopfi, sei im Grunde eine Kleingemeinde mit einer guten Gemeindepräsidentin, einem guten Gemeindeschreiber und einem super Werkführer. Eine solche Gemeinde sei bürgernah, lösungsorientiert und stärke das Vertrauen in die Institutionen. Doch was tun, wenn man das richtige Personal nicht findet? Eine von Zopfis Antworten: Die Ämter so ausgestalten, dass sie auch für Frauen und Junge attraktiver werden.

Es sind gegen 100 000 Personen, die sich in den 2100 Gemeinden täglich engagieren, Leute wie zum Beispiel Gemeinderat Markus Marti in Glarus Süd, der nach dem Niedergang der Wagenrunse in einem Interview erzählte, wie er urplötzlich zu 100 statt zu 30 Prozent für seine Gemeinde arbeitete – zum gleichen Lohn. «Das stimmt für mich. Mich braucht es hier», sagte Marti damals, und diese Haltung hat wiederum Zopfi «tief beeindruckt».

So wird sein Referat zu einem leidenschaftlichen Plädoyer für kommunale Milizarbeit. Als Ständerat und Landrat kennt er jede Staatsebene, «aber so schön wie ein Gemeinderatsamt ist kein anderes», sagt Zopfi. «Die Gemeinden leisten schweizweit eine politische Basisarbeit, auf die wir stolz sein und die wir auf keinen Fall einem Zeitgeist opfern dürfen.» Das Publikum dankte Mathias Zopfi für sein spannendes Referat mit einer ebenso angeregten Diskussion darüber. 

Martin Beglinger

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