Seine Haare für lange Zeit, aufgrund einer Erkrankung, oder gar für immer, wegen einer Verbrennung, zu verlieren ist für die Betroffenen oft sehr schlimm. Eine professionell hergestellte Perücke zu tragen, gibt Selbstwertgefühl und Lebensfreude zurück.
Die Brandkatastrophe von Crans-Montana forderte viele Verletzte, die schwere Verbrennungen erlitten. Bei starken Verbrennungen der Kopfhaut bedeutet dies, dass nie mehr Haare wachsen werden. Viele junge Menschen benötigen deshalb hochwertige Perücken, für den Rest ihres Lebens. Die Tagesschau von SRF berichtete von der grossen Solidarität, die wenige Wochen nach dem Brand zu einer Haarspenden-Aktion führte.
Nach 70 Jahren Meitlizöpfe gespendet
Coiffeurmeister Reto Bernasconi öffnet ein kleines, in Seidenpapier gewickeltes Päckchen. Zum Vorschein kommen zwei hellbraun glänzende Zöpfe. «Eine 80-jährige Frau aus Ennenda hat sie mir gebracht.» Die beiden 40 Zentimeter langen Zöpfe hat sich das damals 10-jährige Mädchen abschneiden lassen. «70 Jahre lang hat sie die Haare sorgfältig aufbewahrt. Jetzt spendet sie diese für die Verletzten von Crans-Montana.» Reto Bernasconi hat die Haare inzwischen weitergeleitet an die Zürcher Perückenmanufaktur Rolph AG. Bei dieser kommen alle Haarspenden zusammen. Bis Brandopfer ein handgefertigtes Produkt erhalten, dauert es eine ganze Weile. «Wir müssen so lange sammeln und warten, bis wir die passende Haarlänge, Haarstruktur und Haarfarbe haben, damit wir eine Perücke realisieren können», erläuterte Sabrina Kaiser-Kossmayr, die Geschäftsführerin der Rolph AG in der Tagesschau von SRF.
Perücken individuell anpassen
Die individuelle Beratung, um die genau passende Perücke zu finden, bieten Reto Bernasconi und Andrea Bernasconi in Glarus beziehungsweise Niederurnen an. Auch andere Geschäfte im Kanton haben dieses Angebot. «Seine Haare zu verlieren, ist sehr belastend», sagt Reto Bernasconi. Betroffen sind oft Frauen, die bei der Krebsbehandlung eine Chemotherapie machen. Anstatt des Tragens eines «Turbans» möchten sich viele Frauen eine Perücke anfertigen lassen. Schon Bernasconis Vater Guido erkannte den Bedarf für passende Perücken zusammen mit einer einfühlsamen Beratung und begann eine Zusammenarbeit mit dem Kantonsspital.
«Sobald eine Frau weiss, dass eine Behandlung bevorsteht, führe ich ein Gespräch mit ihr.» Soll die Perücke sehr ähnlich sein wie die eigenen Haare? Oder möchte die Kundin einen ganz neuen Stil? «Dann kann ich die Erstellung der Perücke bereits in Auftrag geben.» Das Haar, mit dem Bernasconis Lieferant arbeitet, muss hohen Anforderungen genügen: gesund, stark und naturbelassen. Eine andere, ebenfalls gute, Variante ist die Herstellung einer Perücke aus synthetischem Haar. «Echthaar ist bei sehr langen Haaren jedoch eindeutig besser.»
Der Schnitt
Danach wartet Reto Bernasconi. Es sei wichtig, dass die betroffene Frau erst zum nächsten, emotional sehr schwierigen, Schritt erscheint, wenn sie dazu bereit ist. Das sei oft der Zeitpunkt, wenn die Haare bereits beginnen, auszufallen. Dann kommt der Moment, der auch für Reto Bernasconi emotional fordernd ist: das komplette Abschneiden der Haare. «Das tut meinem Coiffeurherz weh.» Wenn die Haare ganz entfernt sind, wird die inzwischen gelieferte Perücke auf dem Kopf der Kundin passend zu ihrem Gesicht eingeschnitten.
Die Kundin lernt von Reto Bernasconi, wie die Perücke gepflegt werden muss: waschen mit Spezialshampoo und Conditioner, trocken tupfen und über Nacht auf einem Styroporkopf aufbewahren. Für den Haarersatz nach einer Erkrankung bezahlt die IV bis zu 1500 Franken. Damit verbunden ist viel administrativer Aufwand. «Das erledigen wir alles für die Kundin.» Die von seinem Vater begonnene Zusammenarbeit mit der onkologischen Klinik des Kantonsspitals besteht weiterhin. Auch Retos Schwester Andrea betreut Kundinnen, die eine Perücke benötigen. Sie arbeitet mit den Spitälern Uznach und Lachen zusammen.
Selbst spenden
Perücken für Crans-Montana-Opfer werden bei guter Pflege jahrzehntelang Bestand haben. Die Mädchenhaare der Ennendaner Spenderin werden bald Teil einer Perücke einer Frau sein, die den Brand von Crans-Montana überlebt hat, und sie ein Leben lang begleiten.
Am einfachsten ist es, das Haar von der Coiffeuse oder dem Coiffeur schneiden zu lassen. Die Fachperson beurteilt, ob die Haare geeignet sind für eine Perücke. Mindestens 30 Zentimeter lang sollte der gespendete Teil sein und nicht gefärbt. Die meisten Glarner Coiffeurgeschäfte nehmen Haarspenden gerne entgegen.
Søren Ehlers


