Gipfelbuch 60

Der letzte Gipfelband des Neujahrsboten ist erschienen. (Cartoon: Albert Schmidt)

Wer kennt nicht die Gipfelbücher? Auch der Neujahrsbote, einst fürs Glarner Hinterland, heute für Glarus Süd, war so ein Gipfelbuch, das den Glarner Süden, seine Leistungen und seine Persönlichkeiten, in einer Jahreschronik verewigte. Jetzt ist – nach 60 Ausgaben – Schluss, es fehlt an Geld und an Chronist/-innen.

Meine Tante vermachte mir letztens ein Faksimile des «Chronicon Helveticum» von Aegidius Tschudi, Chronist Tschudi hat auch heute – im digitalen Zeitalter – auf Wikipedia einen schönen Eintrag, er wird «der erste Schweizer Historiker» genannt, sein Werk mit Herodot verglichen. Unter den Stüssis dagegen ist Heinrich auf Wikipedia nicht vertreten, obwohl seine Chronistentätigkeit für das heutige Glarus Süd nicht zu unterschätzen ist. 60 Jahre lang trug die von Heinrich Stüssi von 1967 bis 1999 redigierte und bis 2006 mitverfasste Chronik Leid und Freud, Interessantes und Grossartiges, Abgelegenes und Bekanntes zwischen zwei Buchdeckeln zusammen. Dorfchronistinnen und -chronisten zeichneten getreulich auf, was übers Jahr zu reden gab. Nun liegt die letzte Ausgabe dieses Lebenswerks vor – mit 400 Seiten, wovon 270 Seiten allein den Dorfchroniken gewidmet sind.

Kohle und Schreiber fehlen
Stiftungsrat Petsch Marti nennt in seinem Vorwort die Gründe, die zur Einstellung des Neujahrsboten führten: Sinkende Abonnentenzahlen, zu wenig Chronistinnen und Chronisten, Datenschutz und – zwar nicht ausschlaggebend, aber deprimierend – die Streichung des Gemeindebeitrags von 12 000 Franken und in der Folge auch des Kulturfondsbeitrages.

Gewichtig
Im Gegensatz zu anderen Chroniken – die oft eher geschwätzig sind – war der Neujahrsbote immer gewichtig, dafür sorgten Heinrich Stüssi und nach ihm weitere Redaktorinnen und Redaktoren, welche zusammentrugen, sammelten, aber auch strafften und illustrierten. Der Cartoon von Albert Schmidt nimmt dieses steinschwere Gewicht auf, indem er den Bücherberg als Steinhaufen auf den Berg packt, in einer Zeit, die von Blitzen und Donnern aufgerüttelt ist und dabei – mehr und mehr – die analogen Wurzeln vergisst, aus der sie gewachsen ist.

Gedächtnisverlust?
Wem daran gelegen ist, sich zu erinnern und einzuordnen, der wird auch diese letzte, prächtige Ausgabe in seine Sammlung der Neujahrsboten aufnehmen und falls unter Ihnen – den Lesenden dieses Abrisses – ein Wikipedia-Begabter ist: Schreiben Sie einen Eintrag fürs digitale Lexikon, sie können ihn ja «Chronicon Meridiem» taufen.

FJ

Einzelne Exemplare des aktuellen Neujahrsboten wie auch ältere (gebrauchte) Exemplare erhalten Sie bei den Buchhandlungen ­Baeschlin (055 640 11 25) und Wortreich (055 650 25 35) in Glarus.

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