63 Kantischüler/-innen hatten in den vergangenen fünf Monaten (zum Teil sogar länger) für ihre Maturaarbeiten beobachtet, gelesen, gemessen, befragt, geschraubt, nachgedacht, vermutet, entschieden, gerechnet, bewiesen, widerlegt und gebaut.
Am 7. Januar war es so weit: 63 Maturaarbeiten wurden der Öffentlichkeit präsentiert. Eltern, Geschwister, Mitschüler und Interessierte schwärmten von 15.30 bis 21.30 Uhr durch die Kanti. Zur Bewertung der Arbeit zählte die 10-minütige Präsentation vor Publikum und ein Gespräch mit zwei Expert/-innen. Rektorin Franziska Eucken-Bütler erläutert die Bedeutung dieses Gespräches: «Angesichts des verbreiteten Einsatzes von generativen KI-Systemen wie ChatGPT beim Verfassen von schriftlichen Arbeiten wird an den Schweizer Mittelschulen die mündliche ‹Verteidigung› der schriftlichen Maturaarbeit stärker gewichtet. Die Lernenden sollen sich darin kritischen Fragen stellen und den Nachweis der vertieften Auseinandersetzung mit dem Thema erbringen.»
Study smarter, not harder
Die zweisprachig aufgewachsene Neev Schlegel aus Glarus präsentierte ihre Arbeit in Englisch und befasste sich mit Lerntechnik. Es gibt effektive Lerntechniken, welche die Funktionsweise des Gehirns nutzen, und solche, mit denen man unabsichtlich gegen das Hirn arbeitet. Sehr effektiv ist es, aus dem Lernen eine Gewohnheit zu machen. Dazu braucht es einen festen Ablauf. Als Erstes einen Auslöser, also eine bestimmte Zeit oder einen bestimmten Ort zum Lernen. Als Zweites ruft man sich in Erinnerung, warum man gerade diesen Stoff lernen möchte. Z. B., um sich über eine gute Note freuen zu können. Danach folgt das Lernen selbst in einer festgelegten Routine, z. B. 30 Minuten lang Vokabeln lernen. Als vierten Schritt, um die Gewohnheit im Gehirn zu verankern, gibt man sich eine Belohnung. Schlegel wendet das selbst an: «Der Wechsel von der Sekundarschule an die Kantonsschule war für mich eine grosse Herausforderung. Viele Mitschülerinnen und Mitschüler hatten einen Vorsprung in Fähigkeiten und Wissen, und ich musste lernen, mitzuhalten. Aus diesem Grund begann ich mich intensiv mit Lernstrategien auseinanderzusetzen.» Sie konnte ihre Noten von 4ern auf 5er steigern. Was möchte sie nach der Matura machen? «Ich werde ein Rechtsstudium an der Universität Zürich beginnen, mit dem Ziel, mich später auf internationales Recht zu spezialisieren.»
Zielpunktgeschwindigkeit im Luftgewehrschiessen
Lio Wickihalder aus Mitlödi ist erfolgreicher Sportschütze in den olympischen Disziplinen Luftgewehr und Kleinkaliber. Anders als in vielen anderen Sportarten sind Frauen und insbesondere Juniorinnen im Luftgewehrschiessen deutlich besser als ihre männlichen Konkurrenten. Lio Wickihalder wollte diese Unterschiede verstehen und untersuchte die Zielpunktgeschwindigkeit (ZPG). Die Zehn auf der Zielscheibe ist ein Punkt von einem halben Millimeter Durchmesser. Die ZPG ist ein Mass dafür, wie ruhig das Gewehr gehalten wird. Je kleiner die ZPG, desto weniger «wackelt» das Gewehr, desto genauer wird getroffen. Frauen haben hier mehrere Vorteile. Die geringere Körpergrösse und der tiefer liegende Körperschwerpunkt führen zu einem stabileren Stand. Dazu kommt die bessere Feinmotorik. All das führt dazu, dass Frauen die präziseren Schützinnen sind. «Ich bin froh, zu wissen, woher dieser Nachteil kommt, den wir Männer gegenüber den Frauen haben.»
Was möchte Lio Wickihalder nach der Matura machen? «Ich ziehe im Sommer nach Biel, weil dort das Nationale Leistungszentrum ist, und werde dort als Halbprofi trainieren. Neben dem Sport werde ich mir ein Job suchen, um etwas Geld zu verdienen. 2027 werde ich meine Spitzensport-RS starten.»
Mexikanische und schweizerische Volksmusik
Lieven Karrer aus Oberurnen war ein Jahr lang als Austauschschüler in Mexiko. Volksmusik ist in Mexiko sehr präsent und wird auch von vielen Jugendlichen gehört. Er stellte einen Vergleich an: Welche Bedeutung hat Volksmusik für Jugendliche in der Schweiz und in Mexiko? Und wie wird schweizerische Volksmusik im Vergleich zur mexikanischen wahrgenommen? Zudem komponierte Karrer ein Musikstück, das schweizerische und mexikanische Volksmusikklänge mischt.
Musik spielt im Alltag der mexikanischen Jugendlichen eine sehr grosse Rolle. Volksmusik wird meistens an Volksfesten und kulturellen Anlässen gehört und wird als Teil der eigenen Kultur wahrgenommen. Schweizer Volksmusik wird von den Jugendlichen oft mit Begriffen wie «traditionell», und «gemütlich» beschrieben, zugleich aber auch mit Attributen wie «altmodisch», «langweilig» oder «peinlich». Mexikanische Volksmusik wird von denselben Jugendlichen häufiger als «fröhlich», «lebendig» und «tanzbar» beschrieben.
Welches sind Lieven Karrers Pläne für nach der Matura? «Ich möchte das Militär als Fallschirmaufklärer abschliessen und danach meine Karriere als Kampfjetpilot weiterführen, oder alternativ ein Wirtschaftsstudium machen.»
Die Unterstützung der Eltern beim Sport
Ella Kamm aus Riedern fing als Vierjährige mit Gymnastik und Geräteturnen an. «Noch heute bin ich wöchentlich in der Turnhalle.» Die Unterstützung der Eltern variiert aber stark: Eltern sind bei der Rhythmischen Gymnastik sehr präsent, beim Geräteturnen oder der Gymnastik hingegen eher im Hintergrund tätig. Kamm untersuchte also die finanzielle, zeitliche und emotionale Unterstützung der Eltern in den Sportarten Gymnastik, Rhythmische Gymnastik, Geräteturnen, Kunstturnen und Ski alpin. Auch den Unterschied zwischen Breiten- und Leistungssport schaute sie an. So fand sie heraus: «Während der Breitensport kostengünstig aufgebaut ist, entstehen im Leistungssport höhere Ausgaben. Der allgemeine finanzielle Aufwand im Leistungssport ist insgesamt fünfmal so hoch wie im Breitensport. Besonders Ski alpin mit Kaderzugehörigkeit stellt mit durchschnittlich rund 1000 Franken pro Monat die höchste Belastung dar.»
Was sind ihre Pläne für die Zeit nach der Matura? «Nach meiner Matura plane ich ein Zwischenjahr, in dem ich arbeiten und reisen werde. In dieser Zeit möchte ich mich intensiv mit meiner Studienwahl auseinandersetzen. Besonders interessieren mich Studiengänge im Bereich Gesundheit und Sport sowie im sozialen Bereich.»
Søren Ehlers


