Natur zieht in die Kirche ein

Die lebendige Landschaft der Ammler Krippe lockt zahlreiche Besucher/-innen an. (Foto: Rolf Böni)

Wenn am 24. Dezember die Galluskirche in Amden ihre Türen öffnet, verwandelt sich der Kirchenraum wieder in eine beeindruckende Naturlandschaft. Tausende zieht es jedes Jahr zur Ammler Krippe. Ein weihnächtlicher Ausflugstipp.

Die mächtigen Stämme, frisches Moos, kleine und grosse Tannen und warmes Licht schaffen eine Atmosphäre, die selbst in der oft hektischen Weihnachtszeit innehalten lässt. Die Szene gleicht einem Spaziergang durch die Berge, und genau das ist auch die Idee dahinter. Seit 1997 wächst die Krippe Jahr für Jahr und ist heute weit über die Region hinaus bekannt.

Wettlauf gegen die Zeit
Rolf Böni, Krippenbauer und Sakristan der Pfarrei Amden, steckt hinter diesem besonderen Erlebnis. Seit rund zehn Jahren trägt er die Verantwortung für Aufbau und Gestaltung. «Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit», sagt er, und meint damit nicht nur die knappe Adventsphase. Schon im Frühling beginnt die Arbeit, wenn Böni in die Berge geht, Pflanzen und Äste fotografiert und mit Koordinaten markiert. Im Herbst, sobald Zäune abgebaut und das Gras gemäht ist, holt er, wenn es das Wetter zulässt, sein Material aus den Bergen: Alles Natur, alles vergänglich. Und vieles wird nach dem Abbau im Januar wieder in die Landschaft zurückgebracht. Ende November wird die Galluskirche geschlossen und dann geht der Takt los. Teils transportiert Böni Stämme und Wurzeln in die Kirche, welche bis zu einer Tonne schwer sein können und bettet sie ein in die biblische Szenerie. Es ist ein kreativer Prozess mit grosser Gestaltungsfreiheit. Bei Rolf Böni lebt die Natur in der Kirche weiter. Tatsächlich blühen manchmal Pflanzen mitten im Dezember erneut auf. Bei der Gestaltung ist Flexibilität geboten, denn nicht jedes Naturstück, das im Frühling entdeckt wird, schafft es tatsächlich in die Kirche. Über den Sommer verändern sich manche Äste oder Pflanzen, werden von Wind und Wetter gezeichnet oder zersetzen sich.

Die Kunst der Südtiroler Schnitzer
Im Mittelpunkt stehen die hölzernen Figuren aus Zirbelholz – echte Kunstwerke, bis zu 90 Zentimeter hoch und geschnitzt in St. Ulrich im Südtirol. Von Ochs und Esel über Hirten bis hin zur Heiligen Familie sind alle Figuren handgearbeitet und vergoldet. Sie stammen aus der Anfangszeit der Krippe, initiiert durch den ehemaligen Krippenbauer und Gründer der Krippe, Beat Gmür, und Pfarrer Victor Buner. Heute vereint die Krippe diese Tradition mit eindrucksvoller Wirkung, nicht zuletzt durch die jährlich neu gestaltete Naturkulisse von Rolf Böni. Einzig die Figuren sind ein fester Bestandteil der Krippe.

Ein Hauch Mystik
Wer die Galluskirche betritt, erlebt mehr als nur eine Szenerie. Sanfte Klänge und eine bewusst gesetzte Lichtführung geben der Krippe etwas Magisches. Morgens taucht Sonnenlicht die Kirche in Goldtöne, am Abend strahlt mystisches Licht herein. Begehrt ist besonders der Bachlauf, welcher sich durch die Krippe schlängelt und leise plätschert. Einmal musste er aus Platzgründen fehlen – und wurde von den Besuchern und Besucherinnen schmerzlich vermisst.

Etwa zehntausend Menschen besuchen in der Weihnachtszeit die Krippe. Viele kommen in Gruppen – Turnvereine, Chöre, Pfarreien. Es sind Familien, Wanderer, Touristen und auch Menschen, die mit Religion kaum etwas zu tun haben. «Und trotzdem spüren sie etwas», sagt Böni. Für ihn ist die Krippe einer der wertvollsten Momente im Kirchenjahr. Wenn Menschen staunend stehen bleiben, Fragen stellen oder einfach schweigend verweilen, werde sichtbar, was dieser Aufbau bewirken kann. Oft entstehen Begegnungen, im Gespräch, bei Führungen oder einfach beim Staunen. Es gibt Besucher/-innen, die Besinnung suchen oder die Seele baumeln lassen möchten. Und da sieht Böni, dass er den Leuten etwas mitgeben kann, eigentlich den Ursprung des Glaubens. Auch für das Dorf hat die Weihnachtskrippe Bedeutung: Cafés und Restaurants profitieren, selbst an grauen Wintertagen belebt der Besucherstrom das kleine Bergdorf. Für die Kirche ist die Krippe zudem ein Ort, wo Menschen den Ursprung des Weihnachtsfestes neu entdecken.

Das Geheimnis der Krippe
Warum berührt die Ammler Krippe so viele? Vielleicht liegt es an dieser Verbindung von Natur und biblischer Geschichte, von kunstvollem Handwerk und lebendiger Landschaft. Oder an diesem Moment, wenn man plötzlich vergisst, dass man sich in einer Kirche befindet – und sich mitten in einer biblischen Winterwelt wiederfindet. 

Juliane Bilges

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