Seit 1977 organisiert das Kunsthaus Glarus die Ausstellung Glarner Kunstschaffen. 43 Künstlerinnen und Künstler bewarben sich 2025 und wurden aufgenommen. Stefan Wagner hat die Werke zu einer stimmigen Ausstellung geformt.
«Im Glarnerland gibt es über 200 Kunstschaffende», sagt Kaspar Marti, Präsident des Glarner Kunstvereins. Für sie ist die seit fast 50 Jahren stattfindende Ausstellung Kunstschaffen eine willkommene Möglichkeit, aktuelle Werke zu zeigen. «Besonders ist, dass die Teilnehmenden nicht von einer Jury ausgewählt werden. Das gibt es in der Schweiz in dieser Form nicht mehr», so Marti weiter. Wer im Glarnerland wohnt oder von hier stammt, aktuell künstlerisch tätig ist und im Alphabet bei A-L kommt, konnte eines oder mehrere Werke einreichen.
Toleranz
Zur Eröffnung, zusammen mit der neuen Kunsthausdirektorin Annette Amberg, bat Kaspar Marti die grosse Anzahl Gäste: «Es braucht Toleranz von Ihnen, bei einer nicht jurierten Ausstellung allen Werken Ihre Wertschätzung entgegenzubringen. Die Spannbreite ist viel grösser als bei einer jurierten Ausstellung, da müssen Sie sicher ab und zu über Ihren eigenen Schatten springen. Toleranz bräuchte es in der heutigen Zeit auch in vielen anderen Bereichen unserer Gesellschaft. Doch Kunst kann hier mit gutem Beispiel vorangehen.»
Marti schildert, sichtlich begeistert, seine ersten Eindrücke: «Es ist eine farbige Ausstellung. Es sind ganz viele Materialien zum Einsatz gekommen, es gibt raumgreifende dreidimensionale Objekte. Die Fantasie und der Gestaltungswille sind gross.»
Nina Kübler
Stellvertretend für diese Vielfalt der Arbeitsweisen und Werke pickte sich der FRIDOLIN drei Beispiele heraus. Von Nina Kübler, Chirurgin am Kantonsspital, sind vier Bilder mit Blumenmotiven in kräftigen Farben ausgestellt. «Ich habe eigentlich gar keine Technik, weil ich keine gelernt habe», gesteht Kübler. «Ich male intuitiv, besuche aber regelmässig eine Künstlerin in ihrem Atelier in Bubikon zum Unterricht und kriege sehr wertvolle technische und gestalterische Tipps von ihr.» Gibt es einen Auslöser, weshalb sie mit Malen anfing? «Nein. Ich habe eine kreative Ader. Vor zehn Jahren kaufte ich Farben und begann einfach. Dann habe ich verschiedene Motive entdeckt, später wurde meine Malerei abstrakt. Schliesslich aber traten die Gegenstände – also die gegenständliche Malerei – wieder in den Vordergrund. Auch Unfallchirurgie verlangt Kreativität. Zwar fügt man gebrochene Knochen immer gleich zusammen, doch dazu muss man oft kreative Wege finden, um zu einem guten Resultat zu kommen.»
Markus Beerli
Markus Beerli wohnt im Syten, Linthal, am Eingang zum Durnachtal. Vor 20 Jahren kaufte er einen ausgedienten Schiessstand: «Es ist das wunderschönste Atelier der Welt.» Wie ist sein Werdegang zum Künstler? Beerli und seine Frau fanden 1976 zwei Lehrerstellen in Linthal. Später begann er eine neue Laufbahn als Grafiker. «Da muss man für den Auftraggeber arbeiten. Man ist einem Zweck und einer Botschaft verpflichtet, die vom Kunden vorgegeben wird. In meiner Kunst erlebe ich etwas ganz, ganz anderes. Da entstehen Dinge, von denen ich nicht weiss, wie sie am Ende herauskommen. Diese Offenheit des Denkens konnte ich bei einer Malreise in Dänemark entdecken. Ich lernte, die leere, weisse Leinwand auszuhalten.» Von Markus Beerli sind fünf Bilder ausgestellt. Drei davon, nahtlos aneinandergefügt, bestechen durch einfache Formen und Farbflächen. «Auf und Ab» ist der Titel dieser Arbeit, Beerli sieht darin die Landschaft vor seinem Atelier, aber auch das Auf und Ab des Lebens. Ein anderes der Bilder wirkt von Weitem schwarz-weiss, von Nahem aber enthüllt es mehrere, immer wieder übermalte Schichten, der Titel dazu «Geborgen in Schwarz und Weiss».
Landolt, Moser, Patwa
2022 besuchten Musikjournalist Claudio Landolt, Unternehmer Marcel Moser und Filmregisseur Karim Patwa die Textildruckerei Mitlödi, die damals noch mit reduzierter Belegschaft produzierte. Die Geräusche der Maschinen, die präzisen Handgriffe der Arbeiterinnen und Arbeiter und die Eigenschaften der Stoffe sind die Grundlagen für das Werk «Stoff». Man kann es vor zwei Bildschirmen und mit Kopfhörern ansehen und -hören. «Wir haben uns vorgenommen, eine Woche lang in diese Fabrik zu gehen, jeder für sich», so Claudio Landolt. «Das widerspiegelt sich jetzt in dieser Installation: Bildton, Filmton und Fotografie entstanden aber getrennt.» Kein konventioneller Film also, sondern drei Werke, die – gleichzeitig gezeigt – im Kunsthaus zum vielschichtigen Fabrikporträt verschmelzen.
Søren Ehlers


