Der Umgang mit Menschen mit Behinderungen verändert sich. Bei der Invalidenversicherung (IV) stand im Jahre 1960 die Fürsorge im Vordergrund: Heime, Sonderschulen und geschützte Werkstätten, die Versorgung und Schutz zum Ziel hatten, weil diese Menschen als «Pflegefälle» oder «Hilfsbedürftige» galten. Menschen mit Behinderungen waren im öffentlichen Leben meist unsichtbar. Das ändert sich.
In der Markthalle in Glarus treffen sich wöchentlich am Dienstag Frauen und Männer, um sich auszutauschen, miteinander zu lachen, über Erlebtes zu berichten, Ideen auszuhecken und sichtbar zu sein. Beim Besuch vom FRIDOLIN sitzen elf Personen im «Fratelli». Das Treffen wird von der Fachstelle Augenhöhe – zur Förderung von Selbstvertretung Kanton Glarus organisiert. Es gibt eine Leistungsvereinbarung mit dem Kanton Glarus. Die Fachstelle arbeitet eng mit Menschen mit Behinderungen zusammen, um ihre Selbstvertretung zu stärken. «Insgesamt sind wir 33 Personen», so Peter Grimm, «rund zwei Drittel besuchen diesen Stammtisch regelmässig.» Er leitet die Fachstelle und bezeichnet sich als «Strippenzieher» im Hintergrund. «Unser Ziel ist es, gemeinsam Rahmenbedingungen zu schaffen, die mehr Mitbestimmung, Sichtbarkeit und Teilhabe ermöglichen – in Politik, Bildung, Arbeit und Gesellschaft.»
Zentrale Anliegen
Sichtbarkeit ist das zentrale Anliegen. «Für uns steht nicht die angepasste Hilfe im Vordergrund», sagt Peregrin Bäcker. «Wir wollen ohne spezielle Beachtung Teil der Gesellschaft sein.» Bäcker ist Spastiker, 63 Jahre alt, und erzählt von der Rudolf-Steiner-Schule, die er als Kind besuchte, von seinen verschiedenen beruflichen Tätigkeiten und von der Pfadi. «Ich konnte mir jeden Weg merken, sodass ich nie eine Karte benötigte.» Er stieg bis zum Rover auf und ist heute Rover-Veteran.
Vorurteile abbauen. Darum geht es am Stammtisch. Sie alle wollen, trotz ihrer individuellen Behinderungen, gleichwertig in der Gesellschaft angenommen werden. «Ich lebe alleine in einer Wohnung», sagt Jonas Kistler. Seinen rechten Arm streckt er in die Höhe. «Da die Hirnzellen für die korrekte Funktion kaputt sind, funktioniert die Bewegung nicht mehr so, wie sie sollte. Das habe ich aber zu mindestens 95 Prozent unter Kontrolle.» Es sei eine spastische Anspannung, die er seit einem Unfall als Kleinkind habe. Sie komme nicht schubartig und bereite ihm auch keine Schmerzen. «Ich habe eine WLAN-Antenne», witzelt er. Trotz dieser auffälligen Behinderung ist Jonas sehr selbstbewusst, er weiss was er will, wie er sein Ziel erreichen kann.
Es ist ein falsches Bild, das wir uns von behinderten Menschen machen, wenn wir sie in einem Rollstuhl sehen, mit einem hinkenden Bein oder wenn sie beim Sprechen die Augen verdrehen und immerzu blinzeln. Viele denken dann, dieser Mensch kann sein Leben nicht ohne Hilfe meistern. Gegen diese Sicht wehrt sich auch Hanspeter Bodmer. Er hat erst als Erwachsener lesen und schreiben gelernt und als junger Mann eine einjährige Weltreise unternommen; dabei auch Japan durchreist.
Christian Brülhart ist fast immer barfuss unterwegs; auch zu diesem Treffen erscheint er ohne Schuhe. «Seit ich das mache, habe ich keine Schmerzen mehr», erzählt der 62-Jährige. Er schwimmt regelmässig im Klöntalersee. «Ich schätze das Wasser im See sehr, die kühlen Temperaturen halten mich nicht ab. Derzeit ist es etwa 9 Grad.» Und er betreibt Radio Glarissimo. Seit 2014 bietet er ein Programm mit klassischer Musik in den Nachtstunden und Rock und Oldies am Tag.
Eindrückliche Geschichten
Die Geschichten der Menschen am Stammtisch zeigen eindrücklich, dass eine Behinderung keine Einschränkung sein muss. In den 1980er-Jahren hatten viele Firmen Menschen mit einer Behinderung angestellt. Sie erledigten Arbeiten zum Beispiel in der Spedition, wo das Tempo nicht das wichtigste Kriterium war. Solche Arbeitsplätze sind selten geworden, heute zählt zuallererst die Effizienz, jeder Arbeitsschritt muss wirtschaftlich sein. Diesem Argument entgegnet Jonas Kistler vehement: «Wer nicht schnell arbeiten kann, achtet dafür mehr auf die Qualität seiner Arbeit.» Hanspeter Bodmer erzählt die Geschichte von einem behinderten Menschen, der in einem Produktionsprozess eine Vereinfachung erkannt und umgesetzt hatte, die für den Betrieb wertvoll war.
Wer heute als Behinderter eine Arbeitsstelle sucht, ausserhalb einer geschützten Werkstatt, muss viel Geduld und einen starken Willen aufbringen. Vorurteile und Unwissenheit trüben den wertfreien Blick. Peregrin Bäcker bringt es auf den Punkt: «Man sieht einem Menschen seinen Lebenslauf und seine Fähigkeiten nicht an.»
Der Sportler Peregrin Bäcker fordert deshalb auch die Abschaffung der Paralympics und die volle Integration behinderter Menschen in die Olympischen Spiele: «Wir Parasportler gehören an die Olympischen Spiele der Elite, als Zeichen der Vollständigkeit menschlichen Lebens und menschlicher Würde.»
Jonas Kistler ist überzeugt, dass «gleicher Lohn für gleiche Arbeit» gelten soll, egal wie schnell eine Arbeit erledigt werde. Er weiss aber, dass das ein Traum bleiben wird, vorerst zumindest. Dennoch: Es ist der Wunsch nach der selbstverständlichen, gleichwertigen Anerkennung und entsprechenden Begegnung. Menschen mit Behinderungen wollen sichtbar sein, Mitten in der Gesellschaft mit allen auf Augenhöhe stehen.
Wer am Treffen in der Markthalle an den Gesprächen teilnimmt, erkennt schnell: Hier haben Menschen Vertrauen in ihre Fähigkeiten, sie zeigen Mut und Willen, ihr Leben selber in die zu Hand nehmen. Peter Grimm: «Wir begrüssen auch Menschen ohne Behinderungen, alle sind herzlich eingeladen, sich mit uns an den Tisch zu setzen.»
Fredy Bühler


