Von der Linth in die Appalachen

Vom urbanen Glarus geht es für Christoph Rehli ins ländlich geprägte Virginia.(Foto: FJ)

Sein Vater war Bündner, die Mutter Stadtbernerin – er selber ist, als Tagwensbürger von Linthal-Matt, im Glarnerland verwurzelt: Christoph Rehli. Nun reist der pensionierte Hochschullehrer zum dritten Mal als Gastdirigent in die USA, diesmal auf Einladung eines anderen Glarners ans Virginia Tech in Blacksburg, Virginia. 

Am vergangenen Samstag ging es für Christoph Rehli in die USA, als Gastprofessor in die Appalachen. Dort dirigiert er, auf Einladung von Assistenzprofessor Mathias Elmer aus Ennenda, Konzerte mit jungen Studierenden und erteilt Einzelunterricht in Dirigieren. 35 Jahre lang unterrichtete Rehli an der Hochschule in Luzern, ab 1988 Musiktheorie und ab 1994 Dirigieren. 2013 wurde er das erste Mal in die USA eingeladen – an die Musikhochschule Memphis – wo er auch Mathias Elmer traf. 2018 war er dann am Concordia College, in Moorehead, Minnesota, «mit einer einwöchigen Tournee durch Wisconsin und Minnesota. Es ist beeindruckend zu sehen, wieviele Universitäten der USA ihren Studierenden hervorragende Chöre, Orchester und Blasorchester anbieten.»

Die Glarner Wurzeln
Seine eigene musikalische Ausbildung bekam Rehli zuerst im Glarnerland: «Erst lernte ich Akkordeon bei Theo Heiz, einem methodisch geschickten Lehrer. Niklaus Meyer – von 1968 bis 1980 an der Kantonsschule Glarus – förderte mich entscheidend im Klavierunterricht und Jakob Kobelt als grossartiger Musiker in Chorleitung. Sie prägten mich und ich wusste klar, für mich gibt es nur eins, die Musik. Das erste Ensemble, das ich leitete, war der Braunwalder Volksliederchor.» Den gibt es immer noch und auch anderes hat sich seither kaum verändert: «Die Geografie, die Luft, die Stimmung, ich fahre mit dem Zug ins Glarnerland zum schönen Bahnhof Glarus. Sechseinhalb Jahre ging ich von dort den Kantiweg zur Höheren Stadtschule, die Buchhandlung Baeschlin, das Kaffee Gabriel, das ganze Stadtbild, die alte Post, das Rathaus, das Gericht – das ist tel quel. Und wenn man ins Kaffee geht, ist es beinahe wie damals.» 

Dirigieren und Weinbau
Rehli studierte an der Musikhochschule Zürich im Hauptfach Klavier und Musiktheorie sowie im Nebenfach Gesang und Cello, erwarb das Kantorendiplom und auf der Orgel das Konzertdiplom. 1991 und 1992 war er für Dirigierstudien an der Pierre Monteux School in Maine/USA. Bis 1995 arbeitete er als Chorleiter. «Mit der Öffnung von Osteuropa lernte ich dort Orchester kennen, dirigierte unter vielen anderen auch das Radio-Symphonieorchester Pilsen, mit welchem ich auf Tournee nach Schwanden in die Gemeindestube kam. Seit ich an der HSLU pensioniert bin, dirigiere ich wieder vermehrt in Rumänien und Italien, wo ich langjährige Kontakte aufgebaut habe. Seit sieben Jahren lebe ich in Merligen am Thunersee und so habe ich im Berner Oberland ein Kammerorchester gegründet.» Soeben kommt Rehli aus Italien von der Weinlese zurück. Seine zweite Leidenschaft ist der Weinbau. «Ich durfte von meiner Familie ein kleines Gut in der Toskana übernehmen. Das hatten meine Eltern 1971 – entgegen aller Ratschläge – gekauft. Ich verliebte mich als 14-Jähriger in die Toskana. Daraus ist ein Agriturismo mit Rebberg geworden. Meine vier Geschwister und weitere Familienangehörige kommen immer gerne dorthin, es ist eine Art Familienparadies. Aus 5500 Rebstöcken produzieren wir pro Jahr zwischen 4000 und 5000 Flaschen Qualitätswein, dank einem fähigen Rebbauern und einem kompetenten Önologen.»

Die Macht des Schicksals
Was bedeutet ihm die Chance, als fast 70-Jähriger in Amerika zu dirigieren? «Es ist eine Ehre, dass ich das in meinem vorgerückten Alter noch darf und mit jungen Leuten arbeiten kann.» In Absprache mit Chedirigent Mathias Elmer hat Rehli «Die Macht des Schicksals» von Giuseppe Verdi im Gepäck. Er erarbeitet das Werk mit jungen Studierenden, einerseits mit Hauptfach Musik oder aber mit anderen Studienrichtungen. «Ich dirigierte während 17 Jahren das Jugendsinfonieorchester Winterthur – mit jungen Menschen zu arbeiten hat mich stets fasziniert, mich reizt es, spontan mit einer Situation, einem Orchester umzugehen, welches ich überhaupt nicht kenne. Wer spielt hier? Wie ticken die? Welche Sprache, welche Bilder braucht es, um ihnen diese Musik näher zu bringen? In den Proben in Blacksburg versuche ich, den Orchesterspieler/-innen die Musiksprache Verdis nahe zu bringen und ihnen meine Kenntnisse dieses Stiles weiterzugeben.» Das zweite Konzert dirigiert er mit dem Honour String Orchestra aus dem Bundesland Virginia: «Da kommen die besten Streicher aus verschiedenen Musikschulen nach Blacksburg, um die Hochschule kennenzulernen. Sie sind teilweise hochbegabt. Wir werden von Max Bruch die Serenade nach schwedischen Melodien erarbeiten, ein Werk das sie nicht kennen, das sie fordert, aber nicht überfordert. Mit Mathias am Dirigierpult spielen sie am Konzertende, integriert ins grosse Sinfonieorchester, den letzten Satz des Feuervogels von Stravinsky. Sie sollen das beste von sich geben können und einen tollen Klang erleben – das ist unser pädagogischer Ansatz.»

FJ

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