Eine Woche Abenteuer

Atemberaubende Aussichten direkt vom Schlafplatz aus. (Foto: Juliane Bilges)

Mit dem VW-Bus eine Woche lang quer durch Italien. Von wilden Wellen in Levanto bis zu Meisterwerken in Florenz, zwischen Glühwürmchen, Aperol und unerwarteten Stellplätzen.

Der Auftakt im Maggiatal
Die erste Etappe führte uns ins Tessin, ins Maggiatal. Auf dem Camping Piccolo Paradiso fanden wir ein lauschiges Plätzchen zwischen Felsen und Wasser. Ein guter Einstieg, fast schon zu ruhig für das, was noch kommen sollte. Am nächsten Tag rollten wir weiter – durch Locarno und dann über die Grenze. Schnell lernten wir, dass man in Italien für jede Autobahn zahlen muss, und verstanden auch, warum die kleinen Strassen oft voller alter Fiats sind.

Levanto: Meer wird zum Spielplatz
Nach einer langen Fahrt erreichten wir Levanto an der ligurischen Küste. Unser Stellplatz lag hoch über dem Ort, neben einem Bauernhof, umgeben von Bergen und Hügeln. Als wir ankamen, war es bereits dämmrig. Wir sahen nur Umrisse – bis ein Igel neugierig am Bus vorbeitrabte und ein Glühwürmchen zwischen den Gräsern aufleuchtete. Ein magischer Moment.

Am nächsten Morgen öffnete sich uns dann das wunderbare Panorama: das Meer in voller Pracht, eingerahmt von den Hügeln. Zwei Tage blieben wir hier, und sie waren erfüllt von Sonne, Salz und Wellen. Wir liessen uns im Wasser treiben, wurden von den Brechern umgeworfen, beobachteten die Surfer, die das Meer herausforderten. Am Strand schmeckte der Aperol Spritz noch frischer, die Margherita noch saftiger. Levanto zeigte uns Italien, wie man es sich erträumt: chaotisch, charmant, voller Amore.

Zwischen Bergen und Meer: Massa und Livorno
Die Weiterfahrt brachte uns ins Gebirge. Schmale Strassen, jede Kurve ein Abenteuer, die Blicke der Einheimischen wenig begeistert von unserem Bus. Doch oben angekommen, wartete die Belohnung: ein Stellplatz mit freiem Blick über Massa, den Hafen und die weite Küste. Mit uns teilten zwei andere Camper aus Deutschland und Frankreich diesen Balkon über dem Meer.

Der nächste Tag führte uns nach Viareggio. Der Strand dort war endlos – und endlos voll. Liegestuhl an Liegestuhl, Reihen wie in einem Möbelhaus. Wir hielten es nicht lange aus. In Livorno fanden wir dann, wonach wir suchten: ein stiller Stellplatz beim Hafen, Dünen und ein leerer Strand, nur fünf Minuten entfernt. Dort sassen wir abends im Sand mit einem Bier in der Hand und frühstückten am Morgen mit Blick auf die Wellen. Momente, die bleiben.

Pisa und die Angst vor Schokoeis
Natürlich machten wir Halt in Pisa. Der Schiefe Turm, das Baptisterium, die imposanten Bauten – beeindruckend, keine Frage. Aber die Touristenmassen nahmen dem Ganzen etwas die Würde. Überall dieselbe Pose: ausgestreckte Hände, als hielten sie den Turm fest. Wir blieben lieber Beobachter. Meine grösste Sorge in diesem Gewusel? Die vielen Kinder mit Schokoeis, die zwischen den Beinen der Touristen herumwuselten. Ein falscher Schritt, und der Fleck auf dem T-Shirt wäre sicher gewesen.

Florenz: Ein Fest der Kunst
Unser Stellplatz in Florenz war kein Highlight – ein Parkplatz neben einem Fussballstadion, abends erfüllt vom temperamentvollen Rufen der Spieler. Doch das störte wenig, denn mit dem Fahrrad waren wir in einer Viertelstunde mitten in der Stadt. Und dort begann ein anderes Abenteuer: Eintauchen in die Renaissance.

Die Uffizien liessen mein Herz höherschlagen. Botticellis Geburt der Venus und Primavera zu sehen, war für mich ein Traum. Dazu Da Vincis Verkündigung, Michelangelos Tondo Doni, Caravaggios Medusa, Tizians Venus von Urbino. Räume voller Meisterwerke, dazu stuckverzierte Decken, die selbst Kunstwerke sind.

Am nächsten Tag ging es in die Galleria dell’Accademia. Michelangelos David steht dort in seiner ganzen Pracht – ein Werk, das man kennt und doch erst vor Ort begreift. Daneben Giambolognas Raub der Sabinerinnen. Spannend, dass dieser Bildhauer eigentlich aus Flandern kam, aber in Florenz und der Bildhauerei so sehr aufging, dass man ihn kurzerhand italienisierte. Nach so viel Kunst brauchten wir Luft – und fanden sie im Botanischen Garten nebenan, fast menschenleer, grün und ruhig. Der Abschluss: der Piazzale Michelangelo, wo die Stadt uns zu Füssen lag, im Licht der Abendsonne.

Zerbo: Mücken und Menschlichkeit
Auf dem Rückweg hielten wir nahe Zerbo, einem kleinen Ort am Fluss Po. Neben einer Bar schlugen wir unser Nachtlager auf. Tagsüber wirkte sie verlassen, abends kam plötzlich das ganze Dorf zusammen. Die Menschen waren herzlich, die Stimmung entspannt. Wären da nicht die Heerscharen von Mücken gewesen, hätten wir dort wohl länger verweilt. Mit etwa 40 Stichen, aber auch mit vielen Erinnerungen im Gepäck, machten wir uns zwei Tage später wieder auf den Heimweg.

Zurück mit Geschichten im Gepäck
Nach einer Woche kehrten wir in die Schweiz zurück – voller Eindrücke: von Glühwürmchen und Igeln in Levanto, von Wellen, die uns umwarfen, von Pizza und Aperol im Sand, von Botticelli und Michelangelo in Florenz. Italien zeigte sich chaotisch, weniger ordentlich als die Schweiz, aber voller Charme und Lebenslust. Genau das machte den Reiz aus. Und am Ende blieb die Erkenntnis: Ein VW-Bus, eine Woche Zeit und etwas Mut zum Improvisieren – mehr braucht es nicht für eine Reise voller unvergesslicher Geschichten.

Juliane Bilges

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