Die Fracht des Sommers

Älpler Kurt Fischli, seine Familie und die Helfenden bringen die Herde sicher ins Tal.(Foto: FJ)

Mit dem 30. September rückt jeweils der Termin nahe, an welchem alle Sennten von der Alp wieder ins Tal gezogen sein müssen. Am kommenden Samstag, 27. September, bereiten Tausende von Zaungästen den Alp-Teams und ihrem Vieh einen herzlichen Empfang. Doch welche Gefühle bewegen die Älpler am Ende des Alpsommers?

«Es war schon bei der Auffahrt, am 22. Mai, leides Wetter und nass», sagt Kurt Fischli von der Alp Obersee-Rauti, der inzwischen den 31. Alp­sommer hinter sich hat. «Dann war’s zwar eine Weile schön, aber als wir in den Oberstafel auffuhren, war es bis Anfang August wieder nass, das Gras auf dem Oberstafel war überständig. Gemelkt haben wir viel, doch das Wetter war insgesamt eher zu nass. Auch jetzt im September ist das so, denn wenn’s regnet, regnet es intensiv. Sonst aber war es kein schlechter Sommer.» Kurt Fischli hat den Betrieb seinem Sohn übergeben, die meisten Tiere, die er sömmert, gehören also sozu­sagen der Familie. Es sind Tiere mit guter Milchleistung: «Wir haben eine rechte Zucht.» Fast alle sind beim Alpabzug dabei. Gut sechzig Stück Kühe und Jungvieh. «Was laufen kann, läuft. Zwei Kühe und ein Jungtier nehme ich mit dem Wagen, sie sind schlecht zu Fuss oder haben etwas mit den Klauen.»

Gut ausgewählt ist halb abgefahren
«Hinter dem See auf dem Unterstafel starten wir – alle sieben bis acht Kühe begleitet von zwei Personen, voraus die Geschmückten, denn die mit Tschäppel sollten vorauslaufen. Wir kennen die Kühe und ich weiss, welcher Kuh ich eine Trychel umhängen und einen speziellen Tschäppel anziehen kann, darauf achten wir. Und es braucht Helfer, welche die Tiere beim Weg die Oberseestrasse runter bremsen, damit sie zusammenbleiben.» Natürlich wissen die Tiere, dass der Alpabzug bevorsteht, wenn der Älpler mit Trycheln und Schellen kommt – und auch er ist etwas nervös. Diesmal fuhr Fischli schon am 20. September wieder ins Tal und ist nicht beim Abzug vom nächsten Samstag dabei. «Wenn ich das Gefühl habe, es ist Zeit, gehen wir», sagt Fischli. «Am Samstag hat es jeweils so oder so viele Zuschauer, wir hatten es im Whatsapp-Status angekündigt. Es ist schon schön, wenn jemand zum Alpabzug kommt und zuschaut, da ist man schon ein bisschen stolz. Aber schlussendlich fahren wir für uns nach Hause, nicht fürs Publikum.»

Geteilte Gefühle
Doch welche Gefühle bewegen Kurt Fischli beim Alpabzug? «Für mich ist es nicht präzis eine Wehmut, eher das beruhigende Gefühl, jetzt sind wir unten im Tal, wo alles etwas einfacher ist. Doch beim Weg durchs Dorf Näfels hinaus ins Riet geht mir jeweils schon der gesamte Sommer noch einmal durch den Kopf. Und es ist auch etwas Stolz dabei, dass wir alle heimnehmen können. Auf der Alp haben wir zu den Kühen eine besondere Beziehung, denn wir sind tagtäglich mit den Tieren zusammen, treiben sie zum Melken, sind mit ihnen unterwegs. Wenn’s auf der Alp kein Gras mehr hat, dann spinnen die Kühe, wenn sie in den Gaden kommen und etwas Heu bekommen, dann fressen sie jeden Halm.» Auf einem Bauernbetrieb mit einem Melkroboter, wo die Tiere sich fast immer selbstständig bewegen, ist die Beziehung des Landwirts zu den Tieren nicht mehr so eng.

Auf Tuchfühlung bleiben
Obwohl die Zeiten heute schnelllebig sind und digitalisiert, fühlt sich Kurt Fischli nicht aus der Zeit gefallen. Im Gegenteil: «Ich lebe die Liebe zur Tradition auch in der Musik – meine Frau und ich sangen beide im Chörli, die Jungen sind in der Trychlergruppe, die Tochter singt auch, Folkloristisches hat bei uns seinen Stellenwert. Aber jeder soll machen, was er kann und mag.» Die Alpabzüge sind insofern ein Moment, wo die Älpler mit ihren Tieren für die Bevölkerung wieder sichtbar werden. Doch auch im Sommer erlebt Fischli die Beziehung zu den Städtern positiv: «Auf Rauti machen wir jeweils noch etwas Agrotourismus, wir führen die Schutzhütte, das Rautihüttli.» Es ist auch der Ziel- oder Ausgangspunkt für eine Via Glaralpina-Etappe. «Da kommen alle möglichen Leute vorbei, Rechtsanwälte und Kriminalpolizisten. Und fast 100 Prozent von jenen, die da übernachten und essen, sind uns positiv gesinnt. Da haben wir jeweils sehr gute Gespräche und hatten auch schon die grösste Chilbi – es kommen ganz tolle Leute, die das schätzen.»

Obwohl die Fischlis das Folkloristische lieben – Ursi Fischli näht und vermietet Trachten –, ist die Alpabfahrt weit mehr als Folklore oder einfach eine schöne Veranstaltung. An diesem Tag treffen die Älpler wieder mit der Bevölkerung zusammen – dabei wird spürbar, dass dies Teil des Lebens ist.

FJ

Back To Top