Eingeschworen und überlebensfähig

Liebt den Urnerboden und die Selbstständigkeit: Markus Walker. (Foto: FJ)

Auf knapp 1400 Metern über Meer leben im Winter 32 und im Sommer etwa 150 bis 200 Menschen, darunter viele Älpler mit Familie – ihre Lebensader ist die Passstrasse, ihr Motto: Nur wenn wir uns selber helfen, können wir überleben. Das tut die kleine Gesellschaft auf dem Urnerboden, weil alle ihre Funktion ernst nehmen und dank eines nachhaltigen Tourismus.

«Wir machen unseren Tourismus selbst, wir sind 196 Mitglieder im Verkehrsverein», sagt Markus Walker, der mit seinem Bruder in vierter Generation das Gasthaus Urnerboden und ein Transportunternehmen führt. «Er ist der Koch und macht die Transporte, ich bin der Mechaniker und arbeite im Restaurant. Unser Urgrossvater kaufte das Gasthaus Urnerboden 1895.» Es ist der Freitag vor der Vreenä-Chilbi, es regnet und doch, in der Gaststube läuft einiges. «Je besser das Wetter, desto mehr Leute», so Walker. «Aber selbst bei schlechtem Wetter gibt es Kundschaft. Wir haben sehr viele ältere Leute, Pensionierte, die hier essen kommen. Nach den Sommerferien kommen sie aus der ganzen Ostschweiz, sie machen die Rundfahrt.» Die Rundfahrt durchs Glarnerland und über Brunnen zurück. «Als der Axen zu war, spürten wir das. Auch von Andermatt her gibt es viele, die den Klausen mit dem Sportwagen machen.» Eine offene Strasse ist also Gold wert.

Geschlossene Strasse
Im Winter ist die Passstrasse wegen des Schnees fast ein halbes Jahr geschlossen, der Urnerboden wird dann zum Tal in der puren Natur. So natürlich und ursprünglich, dass SRF hier die Serie «Wilder» drehte. Auch am kommenden Sonntag wird der Pass für den Individualverkehr geschlossen für den Velo-Event «Klausen-Monument». Damit müssen die «Bödeler» leben. Am ESAF-Wochenende Ende August war die Passstrasse nach Linthal geschlossen – trotzdem zieht Walker ein positives Fazit: «Das ESAF war sehr nachhaltig und sensationell organisiert, am Sonntag hatten wir trotz Schliessung viele Besucher, am Samstag waren es weniger. Aber dank des ESAF hatten wir in den zwei Wochen vorher besonders viele Besucher. Das ist also eine sehr gute Sache.»

Mut zum Neuen
Die Schweiz und ihre Gesetzgebung spielen auch hier. So mussten die ­Walkers nach 60 Jahren mit der Kiesausbeute aufhören, da der Urnerboden heute als eidgenössisch geschütztes Hochmoor gilt. Markus Walker ist überzeugt, dass sich auch im Tourismus alles ändern kann. Die Infrastrukturen des Urnerbodens ermöglichen den sanften, nachhaltigen Tourismus. Die Bahn zum Fisetengrat ist zwar klein, aber «die Leute geniessen die Ruhe, gerade im Winter auch – selbst wenn man mal anstehen muss – sie kommen wieder, denn es ist familienfreundlich.» Auch Claudia Kohlhuber, seit Kurzem Wirtin im Gasthaus Sonne, erlebte das ESAF positiv. «Am Sonntag als die Strasse zu war, war traumhaftes Wetter und die Terrasse voll mit Velofahrern.» Kohlhuber arbeitete schon immer in der Gastronomie und hat sich mit der «Sonne» einen Traum erfüllt. «Die Leute haben mich herzlich empfangen. Sie sind froh, dass sich wer wagt, hier was zu machen.» Der Urnerboden ist ihr Kraftort, ein Traum: «Die Sonnenuntergänge oder wenn der Nebel aufsteigt – das ist schon gewaltig.» Was ihr zu schaffen macht: «Das Auf und Ab – bei Schlechtwetter ist nix, bei schönem Wetter überrennen dich die Leute.» Trotzdem ist sie überzeugt: «Wie man reinkommt, kommt’s a zrugg.»

Eigenständig bleiben
Im Winter sei man zwar abgeschnitten von Uri, aber «ich find das nicht schlecht. Ich find’s nicht gut, wenn alles globalisiert ist. Deshalb sollte sich jedes Dorf zum Teil selbst versorgen können. Es funktioniert ja auch hier oben, jeder von den Einheimischen hat sein Jöbli.» So sorgen sechs Maschinisten dafür, dass die Bahn fährt und auch rentiert. «Die Bahn bringt viele Leute», weiss Markus Walker. «Hätten wir keine Bahn, müssten wir im Winter zumachen und hätten auch im Sommer weniger Wandertourismus.» Im Sommer geht’s von hier auf die Clariden-, die Fridolin- und die Planurahütte. Claudia Kohlhuber erwähnt die Winteraktivitäten schon im Sommer bei den Gästen, damit die dann auch kommen. Es gibt einen Kinderskilift und eine Loipe, dazu die Schlittelbahn vom Fiseten­grat, Schneeschuhlaufen, Winterwandern, Skitouren. Gerade hat der Verkehrsverein ein neues Pistenfahrzeug angeschafft: «Vieles brachten wir selbst zusammen», so Markus Walker, «und wir hatten Sponsoren und private Unterstützer. Wir haben Sympathien von aussen, das hilft uns, es zu erhalten, und wir versuchen, alles zusammen zu machen.» Was ihn am meisten herausfordert: «Wir brauchen die Anerkennung der Gemeinde Spiringen, für das, was wir hier tun. Die bekommen wir derzeit nicht.» Und das Schönste für ihn: «Dass ich an so einem friedlichen, sauberen und sicheren Ort wohnen kann.»

FJ

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