Die Oberurnerin Miranda Devita Kistler ging nach Den Haag, Holland, um Fotografie und Design zu studieren. Ihre Bachelorarbeit war Ende Juni an der Art Basel, eine der weltweit führenden Messen für internationale Kunst, zum ersten Mal in der Schweiz zu sehen – wo sie den Swiss Design Award gewann.
Miranda Devita Kistlers Werk ist nicht leicht zu verstehen. Viele Schichten verdichten Familiengeschichte mit Eigenheiten der Natur. «Batu und Banjir» ist ein vier Meter hoher Bildteppich, in den ein von Wasserflecken fast zerstörtes Bild ihrer indonesischen Grossmutter gestrickt ist. Vor einem Jahr stellte sie das Werk als Bachelorarbeit fertig und arbeitet seither als selbstständige Künstlerin, lebt von Ausstellungen und Aufträgen. Für die 26-Jährige ist die Kunst nicht nur, was sie macht, sondern auch, wie sie ihr Leben gestaltet. Natürlich sei das Business hart, aber: «Es ist alles hart, wenn man etwas erreichen will.» Und das tat sie. Mit ihrer Bachelorarbeit «Batu und Banjir» wurde Miranda Devita Kistler für den Swiss Design Award zusammen mit dreizehn anderen in der Kategorie Fotografie nominiert – und gewann. Die Award-Vergabe fand im Rahmen der Art Basel statt, wo ihr Werk zum ersten Mal in der Schweiz gezeigt wurde.
Unscheinbar, aber beharrlich
Die Oberurnerin mit indonesischer Mutter und Glarner Vater entdeckte an der Kanti Glarus ihr Interesse für Kunst. Ihre ehemalige Lehrerin im Bildnerischen Gestalten, Martina Müller, erinnert sich gut an sie: Eher unscheinbar im Verhalten sei Miranda durch die Beharrlichkeit aufgefallen, mit der sie ihre Ideen verfolgte. Sie erzählt: «Wir hatten aus einer Skizze ein Muster entwickelt. Dieses druckten wir mit Siebdruck auf ein Gewebe, um daraus ein Buch zu binden. Miranda hatte eine andere Idee und verwendete als Ausgangslage für ein Muster die Lichtverschmutzung von Indien bei Nacht.» Obwohl etwas schief ging und Miranda Zusatzstunden mit dem Abkratzen des Siebs verbrachte, findet Müller: «Ihre gestalterischen Umsetzungen waren von hoher Qualität, sie hat viel Talent gezeigt.» Dieses brachte Miranda Devita Kistler mit an den Vorkurs der Zürcher Hochschule der Künste – und es brachte sie durch das strenge Aufnahmeverfahren der Royal Academy of Arts in Den Haag, Niederlande.
Schicht um Schicht
Das Bild aus dem Familienarchiv war der Ursprung von «Batu und Banjir» – «Aus Stein und Flut». Über das Foto hat sich eine Schicht gelegt, gezeichnet vom Wasser, welches das indonesische Dorf immer wieder überflutete. «Die Umwelt hat sich eingedrückt in das Bild und seine Geschichte verändert. Das war der Auslöser, dass ich mich mit Erosion beschäftige, weil es eine Metapher dafür sein kann, wie man sich kulturell, aber auch geografisch bewegt und sich an seine Umwelt anpasst», erzählt Miranda Devita. Während Erosion Schicht für Schicht abträgt, schichtet sie ihre Arbeit sorgfältig auf, überträgt das Archivfoto mittels Stricks auf Stoff. Eine spezielle Stricktechnik mit leicht durchhängenden – fliessenden – Fäden zeichnet das Bild in den Stoff und widerspiegelt dabei das Element Wasser.
Auf der Reise entlang des Wassers
Zurück in der Schweiz besuchte die Künstlerin den Oberalppass, wo ihre Grossmutter väterlicherseits unweit der Rheinquelle lebte. Dem Wasser folgend machte sie sich auf die Reise entlang des Flusses, sammelte und beobachtete Steine in der Rheinschlucht, am Bodensee, in Deutschland und Holland, wo der Rhein unweit ihrer Kunsthochschule in die Nordsee mündet. Ihr Fazit: «Mit den Steinen passiert dasselbe wie mit den Archivbildern – sie bekommen im Laufe des Rheins andere Formen und Geschichten.» Während sich ihre Arbeit abspielt zwischen Kultur und Natur, zwischen der Schweiz und Indonesien «schaffen die Textilien eine Verbindung, weil in beiden Orten eine starke Textiltradition lebt.»
Bestätigung vor Preisgeld
Zum Werk gehören auch zwei Künstlerbücher. Das eine zeigt die Rhein-Steine in Rostgold auf Schwarz – das andere ist der helle Kontrast dazu. In ihm abgebildet sind die Formen und Farben, die das Wasser auf den indonesischen Archivbildern hinterlassen hat. Wieso sie genau damit den Swiss Design Award gewann? Miranda Devita zögert: «Vielleicht weil die Arbeit auf eine andere, vielschichtige Art eine Geschichte neu erzählt, die aber auf Fotografie, Historie und Erinnerungen basiert.» Der Award hat ihr ein gutes Preisgeld eingebracht, das sie wieder in ihr Kunstschaffen investiert. Sie deutet an, dass sie weiter in Richtung Textilien gehen will. Fast mehr Bedeutung als das Preisgeld hat für sie «die Bestätigung, dass jemand meine Arbeit nachempfindet und an sie glaubt.»
Delia Landolt


