Eine erfolgreiche Geschichte

Sie haben ihre Chancen genutzt: Arbeitgeber Hansruedi Marti (links) und Zimmermann Merhavi Eyob in der Werkstatt in Matt.(Foto: Fredy Bühler)

Am Migrationsforum Mitte Juni standen die berufliche Bildung, die Arbeit und die Karrierechancen für Migrantinnen und Migranten im Zentrum. Damit das klappt, braucht es «... das Engagement aller – von der Wirtschaft, der Verwaltung und den Migrantinnen und Migranten selbst», sagte Landammann Kaspar Becker. Der FRIDOLIN wollte wissen, wie das funktioniert.

Die Firma Marti AG, Bauunternehmung ist mit 163 Jahren die älteste Baufirma im Kanton Glarus. Sie ist eine von fünf Firmen der Marti AG, Bauholding in Matt, bei der insgesamt 155 Mitarbeitende angestellt sind, davon elf Lehrlinge. In Matt können auch Menschen mit Migrationshintergrund Maurer oder Zimmermann lernen. «Auf dem Bau haben wir langjährige Erfahrung mit Menschen aus andern Ländern, das ist gewissermassen in unserer DNA», sagt Geschäftsleiter Hansruedi Marti. 

Merhavi Eyob aus Eritrea
Marti unterscheidet nicht zwischen Schweizern, Ausländern oder Flüchtlingen: «Wir nehmen Gelegenheiten wahr.» Eine solche habe sich vor sechs Jahren mit einer Anfrage von Ursula Bottega von der Koordinationsstelle Integration Flüchtlinge ergeben. «Sie hat für zwei Burschen eine Lehrstelle gesucht.» Einer davon ist Merhavi Eyob aus Eritrea. Er hat bei Marti die Lehre als Zimmermann EBA begonnen und 2022 erfolgreich abgeschlossen. «Seine Schwäche in Deutsch konnte er kompensieren.» Eyob arbeitet immer noch in Matt. «Er wird sehr geschätzt auf der Baustelle, die Mitarbeiter arbeiten gerne mit ihm zusammen.» Eyob habe typisch schweizerische Eigenschaften angenommen, sei engagiert, «gschaffig», pünktlich und zuverlässig.

Das ist eine erfolgreiche Integration. «Auch weil wir vom Kanton gut begleitet wurden», betont Marti. Die Betreuerin Ursula Bottega habe sich sorgfältig überlegt, ob Migrant und Firma zusammenpassen. Marti betont: «Merhavi hat sehr viel dazu beigetragen. Er brachte eine positive Einstellung mit, hat sich engagiert und war gewillt, die Sprache zu lernen.»

Oleksander Syrbul aus der Ukraine
Ein anderes erfolgreiches Beispiel ist Oleksander (Sascha) Syrbul aus der Ukraine. Syrbul arbeitete in einem landwirtschaftlichen Betrieb, der ihm aber ab Herbst keine Arbeit mehr bieten konnte. «Hier war es der Bauer, der uns den Stellensuchenden empfohlen hat.» Zuerst war Syrbul im Stundenlohn angestellt. «Wir haben 2022 schnell erkannt, dass Sascha handwerklich begabt ist und gut arbeitet. Darum haben wir ihn im Monatslohn angestellt», erzählt Marti. Hier gelang die Integration dank Saschas beruflichem Rucksack und seinem Interesse. Heute besucht er die Sprachschule. 

«Zentral ist der Wille», fasst Marti seine Erfahrungen zusammen. «Man muss spüren, dass sie das anpacken wollen.» Und sie müssen die Sprache lernen.

So entsteht gegenseitige Wertschätzung
Marti sieht auch die Arbeitgeber und Arbeitskollegen in der Pflicht. «Wir müssen uns bewusst werden, was das für diese Menschen heisst.» Sie leben fern von ihrer Heimat, in einer fremden Kultur und vielleicht getrennt von ihren Familien. Auf dem Bau sind Mitarbeiter wichtig, die tatkräftig und möglichst selbstständig anpacken. Das können ungelernten Migranten erst mit der Zeit bieten. «Es braucht von uns die Bereitschaft, sich in die Situation dieser Menschen zu versetzen. Und die neuen Mitarbeiter müssen sich die Akzeptanz von ihren Kollegen mit Engagement abholen.» So entsteht gegenseitige Wertschätzung, die ein Team erfolgreich macht.

Es ist kein Spaziergang, den Migranten, Arbeitskollegen und Arbeitgeber zusammen gehen. Marti ist aber überzeugt, dass eine Ausbildung langfristig der beste Weg für eine erfolgreiche Integration ist. Ist das auch eine Möglichkeit, dem Lehrlings- und Fachkräftemangel zu begegnen? Er erklärt: «Wir können nicht jedermann anstellen, damit wir unsere freien Plätze besetzt haben. Diese Menschen sind aber hier in der Schweiz, es muss unser Ziel sein, sie zu aktivieren. Das ist auch eine gesellschaftliche Aufgabe.»

Ausgebildete Mitarbeitende können mit ihrer Erfahrung auch Führungsaufgaben übernehmen. Das sei sicher nicht bei allen möglich, aber auch nicht immer erforderlich.

Marti hat auch weniger positive Erfahrungen gemacht: «Wir lassen es nie bereits im ersten Moment sausen. Wenn aber die Grundkonstellation nicht stimmt, dann hat es keinen Wert – für niemanden.» Umso mehr Freude hat er an den Erfolgen von Eyob und Syrbul. «Ich habe beiden gesagt, dass wir mit ihnen sehr langfristig planen und sie im Idealfall bis zu ihrer Pensionierung bei uns arbeiten können.» l

Fredy Bühler

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