Ein Mathetalent verpasst (fast) die Matura

Mathe- und Physik-Olympionikin Noelia Cheridito (Foto: Delia Landolt)

Es ist das Maturajahr von Noelia Cheridito – während sich andere fleissig auf den Abschluss vorbereiten, halst sich Noelia freiwillig weitere Prüfungen auf, die weit über den Schulstoff hinausgehen. Für die Mathe- und Physikolympiade war sie im April in Georgien und in Estland. Aus Georgien brachte sie Bronze zurück.

Was sie mit 17 Jahren weiss, versteht vielleicht ein Prozent der Bevölkerung. Dabei könnte Noelia Cheridito eine ganz normale Kantischülerin sein: Sie spielt Klavier, wohnt in Bilten, bouldert seit Kurzem. Schon in der Primarschule war jedoch klar, dass ihr Mathe liegt. Im zweiten Kanti-Jahr motivierte ein Mathelehrer Noelia, an der Schweizer Meisterschaft teilzunehmen. Wer durch die Vorausscheidungen kommt, wird anschliessend vom Olympiade-Team in Zürich oder im Aargau trainiert, um schliesslich auf Uni-Niveau gegen ganz Europa anzutreten. «Wir schreiben im Unterricht alle 6er», erklärt Noelia. Nicht überheblich, einfach als Erklärung. 

Mit Bronze aus Georgien
Die Prüfungen einer solchen Olympiade bestehen jeweils aus einer «einfachen», einer mittleren und einer schwierigen Aufgabe. «Wenn man eine Idee hat, wie man zur Lösung kommen könnte, sind die 4,5 Stunden schnell vorbei. Das war dieses Mal zum Glück so. Wenn man aber keinen Ansatz hat, ist es eine lange Prüfung», erzählt Noelia von der European Girls’ Mathematical Olympiad, kurz EGMO, in Georgien. Die Mädels kamen diesen April mit dem besten je von der Schweiz erzielten Gesamtergebnis zurück, Noelia mit einer Bronzemedaille. «Was aber nicht heisst, dass ich Drittbeste war», erklärt sie. Etwa die Hälfte der Teilnehmerinnen bekommen eine Medaille, so gibt es jeweils mehrere Gold-, Silber und Bronzemedaillen. Gleich viel wert wie eine Medaille sei das internationale Netzwerk rund um die jeweilige Disziplin, schreibt der Verband Wissenschafts-Olympiaden Schweiz. Und die Fähigkeit, neue Ideen zu entwickeln, sei unersetzlich. 

Tüfteln in Ljubljana
Zwei Wochen später tritt Noelia mit drei Jungs des Schweizer Teams an der nordisch-baltischen Olympiade in Tallinn an. Diesmal nicht in Mathe, sondern Physik. Weil diese kurzfristig angesagt wurde, mussten viele Physik-Talente absagen und Noelia rutschte nach. Erst im vierten Kanti-Jahr wurde Noelia von ihrem Physiklehrer überzeugt, sich auch in diesem Fach zu messen. «Es war nur ein 40-minütiger Online-Test, weshalb ich mitmachte und weiterkam. Ich stellte erstaunt fest, dass mir auch Physik Spass macht», lacht die 17-Jährige. Noch im selben Jahr – 2022 – kam sie bis an die Europäische Physikolympiade in Ljubljana.

Zwei von Dreissig
Wie ist das Verhältnis an diesen Wettkämpfen von Männern und Frauen? «Schlimm! In Mathe war es zu Beginn noch okay», erzählt Noelia. Doch unter den 25 Personen, die am Final der Schweizer-Mathe-Olympiade teilnahmen, waren nur noch 4 Frauen. In Physik-Final gerade noch 2 von 30. «Es stört mich nicht, dass es so wenig Frauen hat, ich finde es eher schade. Wichtiger ist, dass man sich gut versteht.» Noelia vermutet, dass sich wegen der Stigmatisierung weniger Mädchen für MINT-Fächer interessieren. «Vielleicht schreckt es auch einige ab, dass in diesem Umfeld so wenig Frauen sind. Es ist ein Teufelskreis.»

Mit Schlafmangel zu einer 5,5?
Zwischen den beiden Olympiaden hatte Noelia noch Maturaprüfungen. Als die erste begann, war sie noch auf dem Rückflug von Georgien. In Absprache mit der Schule durfte sie die verpasste Prüfung nachholen. Franziska Eucken-Bütler, Rektorin der Kanti Glarus, beschreibt Noelia als gut organisiert und zuverlässig. Sie seien stolz, wenn Schülerinnen und Schüler auf Eigeninitiative an die Wettbewerbe gehen – besonders in den MINT-Fächern. In den letzten Jahren vertraten etwa vier Schülerinnen und Schüler die Kantonsschule Glarus an den Wettbewerben. Die Schule unterstützt begabte Lernende organisatorisch, lässt sie zusätzliche Fächer in höheren Klassen besuchen, erlaubt Dispensen oder stellt sie fürs Selbststudium frei – kann sie aber nicht von Lernzielen befreien.

Mit etwas Schlafmangel, weil Noelia in Georgien um 3 Uhr morgens aufstehen musste, ging es an die Maturaprüfungen. Natürlich wollte sie schon «gut abschneiden», was für sie 5.5 oder besser bedeutet. Zumindest im Schwerpunktfach Physik und Anwendungen der Mathematik.

Norwegisch, Turbinen und die ETH
Ende Juni ist Maturafeier. Noelia will ein Jahr arbeiten, dann zum Studium an die ETH. Maschinenbau, wahrscheinlich. Sie habe sich immer für Seilbahnen und Raddampfer interessiert, wo man die Turbinen beobachten könne. Umso mehr überrascht ihr Maturaarbeits-Thema: Ein Vergleich von Duolingo und dem Buch «Norsk for deg neu» als Norwegisch-Lehrmittel fürs Selbststudium. «Ich werde noch genug naturwissenschaftliche Arbeiten schreiben müssen», lacht Noelia Cheridito. Vielleicht auf Norwegisch? 

Delia Landolt

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