Ein Monat Ausnahmezustand

Die Notbrücke der Armee über den Sernf. Von links: Berufsunteroffizier Remo Kamber (seine Truppe baute die Brücke), Gemeindepräsident Hansruedi Forrer und Divisionär Willy Brülisauer, Kdt Ter Div 4. (Foto/Video: FJ)

Über 50 Rapporte, eine ganze Reihe von Lage-Updates und knapp 100 nach wie vor Evakuierte – die Rutschung der Wagenrunse bleibt aktuell, auch wenn sie aus den nationalen Schlagzeilen verschwindet. Was geschah, wer half und was zu tun bleibt.

«Ich war in Finnland, als ich den Anruf bekam», sagt einer der Betroffenen, dessen Haus und Werkstatt unter meterhohem Schutt zerstört wurden. «Ob ich im Haus in Schwanden sei, wollte man wissen. Ich verneinte und fragte, weshalb man anrufe. Doch da hatte der Anrufer schon aufgelegt.» So wie ihm ging es am Dienstagabend, 29. August vielen, plötzlich war in Schwanden alles anders. Er sei nach der Alarmierung noch nicht in Schwanden angekommen, sagt Hanspeter Speich, der Stabschef der GFO Glarus Süd, da seien schon die ersten Videos des Rutsches auf den digitalen Plattformen gewesen. Man war – glücklicherweise – durch die vorgängigen Rutschereignisse gewarnt, hatte bereits einige Personen evakuiert. Die wochenlange ausserordentliche Belastung für Feuerwehr, Zivilschutz, aber auch für die Betroffenen und die Mitarbeitenden von Gemeinde und Kanton hatte da aber gerade erst begonnen.

Eine Konferenz ...
Bei der Medienkonferenz am Donnerstag, 5. Oktober, zogen Speich und ­Gemeindepräsident Hansruedi Forrer Zwischenbilanz. Die grösste Belastung – vor allem für die Direktbetroffenen – sei, so Forrer, die nach wie vor ungewisse Lage. Etwas vom schönsten dagegen die schnelle und grosse Hilfe von vielen Seiten und die Solidarität der ganzen Schweiz. «Alle Evakuierten fanden Unterschlupf», so Forrer. Über 70 Freiwillige hätten sich gemeldet. Auch das Militär wurde angefragt, man habe, so Divisionär Willy Brülisauer, seit Mitte August die Lage antizipiert, und dann vom Kanton subsidiär das Hilfsgesuch für den Bau einer Notbrücke bekommen. Diese 36 Meter lange Mabey-Johnson-Brücke trägt 40 Tonnen und erschliesst seit Dienstag das Wohnquartier hintere Herren, sodass Private, aber auch Gewerbe und Industrie sowie die Mitarbeitenden des Werkhofs wieder mit PW und Lastwagen vor Ort kommen. Das sei, so Ruedi Stüssi von der Naturgefahrenkommission, auch ein sehr wichtiges von 14 Teilprojekten, damit – möglichst bald und unter den nötigen Arbeitssicherheitskonzepten – Räumungsarbeiten beginnen können. Oberst Sébastien Neuhaus, unter dessen Kommando das Katastrophenhilfe-Bereitschaftsbataillon die Brücke erstellte, lobt die sehr gute Zusammenarbeit mit den lokalen Behörden und dem Baugeschäft, dadurch konnte eine Sperrung der Sernftalstrasse verhindert werden und man war anderthalb Tage schneller mit dem Bau als geplant.

... und ein Essen
Tags zuvor hatte Glarus Süd Care – welche mit der Küche des Altersheims Schwanden sowohl die Feuerwehr und andere Einsatzkräfte bekochte und jetzt auch die Armeeangehörigen versorgte – die Betroffenen zu einem 3-Gänge-Menü mit Apéro eingeladen. An diesem Essen drückten viele ihre Dankbarkeit aus, aber auch die Ungewissheit und die Sorge über den Verlust von Hab und Gut. Manche hoffen, irgendwann – oder schon bald – ins Quartier zurückzukehren, für andere ist es so etwas wie ein Abschiedsessen. Dort, wo die Gebäude zerstört sind, haben sie sich auf die Suche nach einer neuen Heimat gemacht. Ob allerdings das Geld von der Versicherung für ein ähnliches Objekt ausreicht, ist fraglich. Doppelter Zeitwert, Verkehrswert, Altersentwertung, vielen schwirrt der Kopf von Zahlen, dazu die Ungewissheit, ob ihr Haus – selbst wenn es noch steht – je wieder bewohnbar sein wird. Und vor allem anderen die rund 60 000 Kubikmeter Material, die noch oben sind. Hansruedi Forrer hofft, das Material komme – wenn möglich portioniert – noch herunter, ohne den Sernf aufzustauen.

Komplexe Herausforderungen
Schon bald werde, so Hanspeter Speich, ein Projektteam die GFO ablösen, inzwischen wurde die Teilrückkehr in Zone blau gestattet. Alle anderen stehen vor noch grösseren Herausforderungen, wer in Zone rot wohnt, konnte noch nie zurück in sein Haus. Manche Situation – wie jene des Ziegenbetriebes Grüt – ist im Hinblick auf den Winter sehr bedrohlich. «Wir sind evakuiert und haben keinen Zugang zu unserem Haus und zur Käserei und damit zu allem, womit wir unseren Lebensunterhalt verdient haben», so Simone Burki und Samuel Bommeli. Ihre fünfköpfige ­Familie sucht jetzt – per Inserat – ein neues Heimetli zum Bewirtschaften.

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