Für Senioren, die in Form sind und es bleiben wollen. Das ist der Claim, den Jean Hippolyte Gumy aus Fribourg seinem Wanderunternehmen trek&trip gegeben hat. Mit einer Gruppe von 20 Frauen und Männern in den besten Jahren erkundete er von Braunwald aus das Glarnerland. Der FRIDOLIN war mit dabei, als es im Nebel auf den Panoramaweg ging.
Begonnen hatte alles in Südfrankreich im Meditationsworkshop, als Laura zu mir sagte: «Im August gehe ich im Glarnerland wandern – mit einer Gruppe.» Ich bat sie, mir Bescheid zu geben, um etwas darüber zu schreiben, und tatsächlich meldet sie sich am Freitag und so mache ich mit Reiseleiter Jean Hippolyte auf den Samstagvormittag ab. «Nimm gute Schuhe mit», rät er mir, «und einen Snack!» Am Donnerstag war die Gruppe angereist und von Schwanden über Leuggelen nach Braunwald gewandert, am Freitag ging es – wegen des durchzogenen Wetters – auf einen Stadtrundgang durch Glarus.
Sympathisch anders
Am Samstag dann wollte man den Panoramaweg von Braunwald machen. In der Hoffnung, es klare noch auf, geht es mit dem Bähnchen zum Grotzenbühl. Ein Zungenbrecher für Patrizia Picinelli, die – als Aspirantin zur Wanderleiterin – diese Wanderung vorbereitet hat. Dort – beim Kaffee, stellt mich Jean Hippolyte seiner Truppe vor. Danach führt uns Patrizia über den Chnügrat hinauf zum Seblengrat. Schon auf der Mattwaldstrasse gibt es Interessantes zu erfahren, über die Hochmoore von Braunwald. Von denen hatte ich bisher keine Ahnung. Blumen und Bäume, der Weg, die Höhlen neben dem Weg, aber auch die globalen Zusammenhänge – es gibt nichts, was nicht als Gesprächsstoff herhalten kann.
Bei der Feuerstelle Chüeweid machen die nachhaltigen Touristen dann einen ersten Retablierungshalt und sind überrascht: Die Informationstafeln über die Lawinenverbauungen am Chnügrat gibt’s nur in Deutsch. Auch die Homepage glarnerland.ch kenne kein Französisch, bloss Deutsch und Englisch. «Also, wenn ihr im Glarnerland Welsche ansprechen wollt, dann solltet ihr das ändern.» Ich verspreche, diesen Verbesserungsvorschlag weiterzuleiten, insbesondere weil die Website und das Glarnerland sonst gelobt wird.
Danach gehen die meisten zügig voraus, während mich Jean Hippolyte in die Grundlagen des meditativen (und dadurch energiesparenden) Wanderns einführt und über seinen Lehrer Song Arun spricht. Er hat mit der Gruppe vor dem Losgehen Qi Gong gemacht. Später, auf dem Seblengrat, erklärt Patrizia das Wichtigste zu den Verbauungen und weshalb die Grünerle – man diskutiert, wie die auf Französisch heisst – eben nicht vor Lawinen schützt.
Aussicht – Fehlanzeige
Einmal drückt ein Sonnenstrahl durch die Wolken und erhellt einen Fleck Bächital, sonst aber bleibt es feucht und warm und bedeckt. Wenn von hinten schnellere Gruppen kommen, ertönt ein Ruf und die ganze Gruppe tritt zur Seite, damit sie überholt werden kann. Fasziniert ist man vom Tunnel zwischen Seblengrat und Gumen. «Dass die für einen Wanderweg einen solchen Aufwand treiben…» Und etwas später meint Jean Hippolyte: «In dieser Gruppe waren drei schwangere Frauen und sie hatten noch kleine Kinder dabei.» Er selber ist inzwischen 76 Jahre alt – was man ihm nicht ansieht. Mit seinem australischen Lederhut wirkt er alterslos, ein bisschen wie Crocodile Dundee. Auf seiner Homepage verrät er das Rezept für seinen Zaubertrank, eine Art erweitertes Birchermüesli, das mit Milch, Ei und Ahornsirup 35 Minuten lang gekocht wird. «Am besten wirkt es, wenn man es mit Lust isst und in guter Gesellschaft.»
Das Geschenk der Freundschaft
Gute Gesellschaft mit freundlichen Menschen: das ist es, was beim Halt im Gumen zu spüren ist. Viele nehmen sich ein «Öpfelbeggeli» und teilen es mit dem Messer. Danach wird es zum Kaffee herumgereicht. «Weisst du, wir kehren in den lokalen Gaststätten ein. Ich sage den Leuten jeweils: Im Gewitter seid ihr froh um die Beiz. Aber die Beiz kann nicht bloss während des Gewitters geöffnet haben.» Obwohl man kaum etwas sieht, freuen sich alle über das Panorama, welches – wenn man es sähe – wohl grandios sein muss, und ich antworte: «Aus Sicht des Glarnerlandes sind wir froh, dass ihr kein gutes Wetter habt. Dann müsst ihr nochmals kommen und es euch bei Sonnenschein anschauen.»
Am Sonntag soll es auf die Tschinglenalp gehen. Leider weiss ich auch nicht genau, wie gut – oder gefährlich – der Weg durch die Tschinglen-Schlucht ist. Jean Hippolyte will ihn mit den Trittfesten aus seiner Gruppe begehen. «Und am Montag bringt uns das Taxi zum Plätz im Klöntal. Von dort wandern wir entlang des berühmten Klöntalersees hinunter nach Glarus.» Wenigstens am Montag haben sie dann wirklich gutes Wetter. Was ebenfalls auffiel: Es gestaltete sich schwierig, im Glarnerland für 20 Personen eine geeignete Unterkunft zu finden.
Auf treketrip.ch wird die Exkursion ins Glarnerland im gleichen Atemzug wie Teneriffa, Andalusien und dem Nationalpark der Cevennen angeboten. Man bedankt sich bei mir dafür, dass ich mir die Zeit nehme, um mit der Gruppe zu wandern. Ich dagegen habe das Gefühl, reich beschenkt worden zu sein – so als habe man mir wieder mal die Augen geöffnet für diesen «magnifique canton».
FJ


