Festtagsartikel Palmsonntag: Das richtige Timing

«Hosanna dem Sohn Davids» – Buntglasfenster Kirche St. Etheldreda, London. (Foto: ©sedmak/123RF.COM)

Irgendwie hat das Wetter im Moment nichts mit einem guten Timing zu tun. Gerade war ich mit den Hunden draussen, hatte Mütze und Handschuh an und beim Reinkommen musste ich den Schnee von den Winterstiefeln abklopfen. Es ist der 2. April oder habe ich mich verguckt? Völlig falsches Timing. Recht genervt gehe ich diesen Frühlingstag an. Manchmal kommt man aus dem Takt, dann verliert man das richtige Timing.

Die Woche vor Jesu Tod und Auferstehung dagegen ist absolut getaktet. Sonntags Einzug in Jerusalem (Palmsonntag), drei Wochentage mit der ein oder anderen Episode in Jerusalem, dann Passamahl, Gethsemane, Verhaftung am Gründonnerstag, Karfreitag der Tod am Kreuz und Sonntag die Erzählung von der Auferstehung.

Man könnte meinen, da steht einer mit der Agenda für die letzte Woche in Jesu Leben hier auf der Erde und hakt ab. Erledigt, erledigt. Alles bestens geplant ein gutes Timing. Die Szene, von der ich erzähle, spielt dazwischen, irgendwann von Montag bis Mittwoch. Es ist eine stille, anrührende, fast intime Szene, die uns der Evangelist Markus im 14. Kapitel erzählt.

Jesus sitzt bei einer Einladung am Tisch. Da geht die Tür auf und eine Frau tritt herein. Sie geht zu Jesus. Sie hat ein Gefäss in der Hand. Das bricht sie auf. Sie giesst Öl auf Jesu Kopf. Angenehmer Duft verbreitet sich im Raum. Ganz hingegeben ist die Frau an den Augenblick. Ihr Tun beinhaltet eine Zuwendung und eine Intimität, die uns manchmal nicht so geheuer ist. Sich zu nahe kommen, sich berühren ist noch nicht wieder so angesagt, für manche ist dies immer ein Problem. Nicht alle möchten gerne berührt werden.

In der Geschichte ist es aber an der Zeit: die letzten irdischen Lebenstage Jesu stehen kurz bevor und da passt das Handeln der Frau. Jesus nimmt ihre Geste als Salbung zu seinem Begräbnis, als eine Salbung im Voraus. Es ist eine Geste zur richtigen Zeit, weil der Tod Jesu nahe ist. Er wird einsam und verlassen sterben und da tut ihm die Nähe, das Gespür der Frau für seine Situation gut. Die Frau wählt ein gutes Timing. Ein «gutes Timing» meint, den richtigen Zeitpunkt für etwas zu finden. In dem Sinne liegt der Tat der Frau ein gutes Timing zu Grunde.

Die übrigen Gäste bei der Einladung dagegen beweisen ein schlechtes Timing. Sie erfassen nicht den inneren, gefühlsmässigen Sinn der Geste der Frau. Sie gehen rational an die Sache heran. Sie sehen den grossen Wert des Salböls. Fragen sich: «Was könnte man mit dem Erlös alles Gutes tun?» – Was sie meinen ist logisch und auch nicht schlecht.

Jesus sagt aber dazu: «Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun, mich aber habt ihr nicht allezeit.» Jesus macht mit diesen Worten deutlich: Es gibt für alles einen richtigen Zeitpunkt: jetzt sind bei ihm Leid, Angst, Sorge, Folter, Tod angesagt – dazu passt seine Salbung durch die Frau.

Dann, wenn Jesus gestorben ist, ist viel Zeit, um Geld und Gut für die Schwachen und Armen einzusetzen. Dann ist dafür der richtige Zeitpunkt. Der richtige Zeitpunkt, das richtige Timing: darum geht es auch bei uns zurzeit. Wir können wieder zusammensein und geniessen es auch. Und doch schauen wir, was geht und was nicht. Was wir gelernt haben in den letzten Jahren: Nähe und Solidarität können sich trotzdem zeigen, in kleinen Gesten: bei der Frau, war es die Salbung, bei uns sind es ein Anruf, ein Hilfsangebot, ein Denken an den anderen, ein Gebet für den anderen.

Dafür ist immer der richtige Zeitpunkt. Das gilt auch für die weiter weg. Für die Menschen im Krieg, die unsere Solidarität brauchen und auch spüren. Für die Menschen, die wir immer in der Fastenzeit besonders bedenken, jene in den Ländern, die von unserem Wohlstand nur träumen können. Für sie sammeln wir, kochen Suppe und verkaufen Rosen. Immer in der Hoffnung, dass sie unsere Nähe und unser Mitdenken spüren. 

Das richtige Timing: Ich schreibe darüber zum Palmsonntag, dem Anfang der Karwoche, einer Zeit, die wir dem Denken an das Leiden Jesu widmen könnten. Ein Nachdenken, das uns empfinden lässt, dass es das brauchte, dass Jesus sich Gefahr, Verspottung, Folterung und Tod auszusetzte, damit wir Menschen glauben können, dass Gottes Liebe zu uns Menschen unendlich gross ist; so gross, dass sie alles Schlimme auf sich nimmt, was Menschsein auch ausmacht. Und dass wir glauben können, dass Gottes Liebe so stark ist, dass sie alles Schlimme überwinden kann und hinter sich lassen kann.

Jesu Leiden für die Menschen wird dann vielleicht transparent für die Entbehrungen, die auch heute Menschen auf sich nehmen, damit ihre Mitmenschen gut leben können. Jeder von uns lebt davon, dass andere etwas für ihn tun. Ich finde, es ist ein guter Zeitpunkt, sich das bewusst zu machen und es im Gedächtnis zu behalten. Gerade dann, wenn Krieg wütet und Menschen nach Hilfe rufen.  

Das richtige Timing, der richtige Zeitpunkt. In diesem Zusammenhang mag sich jeder fragen: «Was ist bei mir zur Zeit dran? Wofür ist bei mir derzeit der richtige Zeitpunkt?» Ich wünsche Ihnen, dass die Karwoche eine Zeit ist, die Sie diesen Fragen und unserem Gott näherbringt. In diesem Sinne kommen Sie mit Gottes Segen gut durch diese besondere neue Woche.

Pfarrerin Dagmar Doll, Glarus

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