News

Kein integratives Schulmodells zum heutigen Zeitpunkt: Corina Jenny, Daniela Quiroga und Reto Stauffacher. (Foto/Video: FJ)

Im Anschluss an den Titelseitenbericht im FRIDOLIN vom Donnerstag, 28. Oktober 2021 mit dem Titel «Glarnerland integriert» sammelte eine Gruppe von 30 bis 40 besorgten Eltern Unterschriften bei anderen Eltern und Lehrpersonen, die der Erweiterung der integrierten Oberstufe auf kritisch gegenüberstehen. Was sie dabei feststellten: Viele Eltern hatten schlicht keine Ahnung, was im Buchholz auf kommenden Sommer 2022 geplant ist.Uns interessiert Ihre Meinung: Stimmen Sie ab unter https://www.fridolin.ch/pulsmesser

Bis 13. November kamen in zwei Wochen 430 Unterschriften gegen die Einführung der integrativen Oberstufe Buchholz im nächsten Sommer 2022 zusammen. Davon stammen, so das Sammelkomitee, rund 390 aus der Gemeinde Glarus und rund 30 aus anderen Kantonsteilen. Diese 30 Unterschriften stammen von Eltern, die geschieden sind oder getrennt leben und deren Kind in Glarus zur Schule geht. Rund 260 Unterschriften gingen von Eltern aus der Gemeinde Glarus ein, deren Kinder zurzeit die 4. bis 6. Klasse besuchen und deren 130 Kinder von diesem Pilotprojekt direkt betroffen sind. 

Die kritischen Eltern sind überrascht von diesem grossen Rücklauf, zeigen sich aber auch erschreckt. Denn obwohl das Pilotprojekt als Versuch bereits im kommenden Sommer mit dem gesamten Jahrgang der 6. Klässler aus der Gemeinde starten soll und in den darauffolgenden zwei Jahren mit den beiden Folge-Jahrgängen weitergeführt wird, wurden die Eltern der davon betroffenen 4. und 5. Klässler dazu noch nicht oder nicht ausreichend informiert. O-Ton: «Es wurden nur die 6. Klässler informiert, in Netstal wussten die Eltern von nichts.»

Am Dienstag, 16. November, und am Donnerstag, 18. November, fanden um 19 Uhr im Buchholz in Glarus die Information für die Eltern der 6. Klässler statt. Wegen Corona war aber nur ein Elternteil pro Abend zugelassen. Die Eltern von 4. oder 5. Klässlern, welche sich ebenfalls zur Information anmeldeten, wurden wieder ausgeladen. O-Ton: «Mir wurde gesagt, ich hätte am Abend nichts verloren, da das Kind nicht jetzt eingeschult wird.»

Selbststudium, vernachlässigt, gefüttert
Am Montag, 22. November, traf der Redaktor des FRIDOLIN eine Eltern- und Lehrergruppe zum Gespräch. Eltern und Lehrpersonen sind der Ansicht, dass bei der Einführung vieles nicht mit rechten Dingen zugegangen sei. «Es gibt viele Fragezeichen, aber insbesondere finden wir den Zeitpunkt für die Einführung falsch gewählt.» Die Befürchtung ist zudem, dass die Kinder – je nach Leistungsfähigkeit – zum Selbststudium vertröstet, vernachlässigt oder einfach mit Wissen gefüttert werden. Alles nicht gerade die Zielsetzungen einer Pädagogik, die sich Modernität auf die Fahnen schreibt.

Die weiteren Hauptkritikpunkte der Elterngruppe:

  • Zuerst standen vier Modelle zur Auswahl, bei der Abstimmung durch die Lehrpersonen aber nur noch zwei, die beide den integrativen Unterricht erweitern wollen. Das Plebiszit der Lehrpersonen war knapp, vielen war unklar, worüber sie abstimmen.
  • Wir haben vorher nie etwas offiziell erfahren, sondern wurden nur durch befreundete Lehrpersonen privat informiert. Wenn wir uns meldeten, wurden wir auf die Schulzeitung verwiesen, doch da stehen auch keine Antworten auf unsere Fragen drin.
  • Neben den drei Niveaufächern Mathematik, Französisch und Englisch sollte der Niveauunterricht auch in Deutsch geprüft werden. Hier ist die Spannbreite der Niveaus zwischen eben hergereisten Flüchtlingskindern und solchen, welche am KV erfolgreich sein wollen, im Buchholz besonders hoch.
  • Für die Projektbeurteilung fehlen die sauberen Kriterien. Zudem beurteilen jene den Projektstand, welche das Projekt einführen.
  • Die abgebenden Lehrpersonen stehen nicht hinter dem Projekt, da sie selbst schon den Spagat machen – von ganz unten bis ganz oben.
  • Die aufnehmenden Stufen – etwa die Lehrmeister oder der Gewerbeverband – wurden nicht abgeholt. Wir befürchten, dass in der Folge bei den Lehrbetrieben wieder Eintrittstests eingeführt werden.
  • Die Elternmitwirkung war zu diesem Projekt nicht angefragt. Wir werden nicht ernst genommen, keiner unserer Kritikpunkte oder Verbesserungsvorschläge wird angenommen.
  • Unsere Kinder hatten sich auf einen niveaugerechten Unterricht gefreut. Viele haben den Horror davor, im ineffizienten, niveaudurchmischten Milieu weiterzumachen. Sie haben das «Erlen-Kinder-Trauma». Die Stärkeren haben auch ein Anrecht, gefördert zu werden. Es gibt auch Kinder, die vorwärtsschaffen wollen.

Die Eltern sind nicht prinzipiell gegen die Einführung des integrativen Schulmodells, sind aber überzeugt, dass es jetzt einen Marschhalt braucht. Sie erwägen auch einen Antrag zuhanden der Geschäftsprüfungskommission der Gemeinde. Eine weitere Möglichkeit wäre, die Gemeindeordnung anzupassen – siehe auch die Box Faktencheck. Der FRIDOLIN macht dazu einen Pulsmesser, wo Sie abstimmen können, ob in Zukunft die Gemeindeversammlung über integrative Schulstrukturen bestimmen soll.

Geben Sie Ihre Meinung beim Fridolin Pulsmesser ab: Fridolin Druck und Medien - Pulsmesser

FJ

Faktencheck
Die Landsgemeinde konnte sich bereits zweimal zu integrativen Schulstrukturen auf der Sekundarstufe I äussern und zeigte sich dabei gegenüber neuen Schultypen offen. So räumte sie bei Erlass des Bildungsgesetzes den Gemeinden in Artikel 24 ein, Ober-, Real- und Sekundarschule zu einem Schultyp im Sinne der kooperativen oder integrativen Schulstruktur zu verbinden. Diesen Entscheid bestätigte die Landsgemeinde im Jahr 2009 bei der Überführung von Artikel 24 des Bildungsgesetzes in den neuen Artikel 12.
Integrative Schultypen sind im Kanton nichts Neues. So gibt es solche Typen bereits seit Langem in den Oberstufen Matt und Linthal sowie in der Sportschule. Aufgrund der stark ausgeprägten Gemeindeautonomie in der Schulgesetzgebung obliegt der Entscheid über die Verbindung der Schultypen den Gemeinden. Zuständig ist in der Regel die Schulkommission, solange die entsprechende Gemeindeordnung diese Kompetenz nicht aus politischen Gründen einer anderen Instanz zuweist. Die aktuell geltenden Bestimmungen sehen keine Volksabstimmung vor. Erforderlich ist lediglich eine formelle Bewilligung durch das Bildungsdepartement.
red.

Back To Top