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Susanne Gasser, dipl. Physiotherapeutin FH, blind. (Foto: FJ)

Mit 44 Jahren ist Physiotherapeutin Susanne Gasser in wichtigen Verbänden aktiv: bei pro Infirmis Schweiz, als Präsidentin des Schweizerischen Blindenbundes, als Präsidentin von Physioblind und im Vorstand des Schweizerischen Zentralvereins für das Blindenwesen (SZBLIND). Zum «Internationalen Tag des weissen Stocks» besuchte sie der FRIDOLIN in ihrer Praxis in Glarus.

Als sie aufs Klingeln die Glastür entriegelt und öffnet, hält Susanne Gasser ein Laubblatt in der Hand. «Da bin ich draufgetreten und wenn ich schon mal eines finde, kann ich es auch gleich rauswerfen.» Gasser ist in Wiesendangen aufgewachsen und wohnt und arbeitet seit 2014 an der Waisenhausstrasse in Glarus, kürzlich sind auch ihre Eltern hierhergezogen. Der Hund, der still in seinem Körbchen liegt, kommt vom Bauernhof. Gasser hat ihn selbst ausgebildet. «Ich bin seit Jahren auf der Liste der Schule für Blindenführhunde Allschwil.» Gerade hat sie im Zentrum in Ennenda ihre erste Impfung bekommen, weil sie im November an einer längeren Weiterbildung teilnehmen will. «Doch ich lehne mich auf gegen indirekten und Gruppenzwang. Ich bin auch nie krank und hab ein super Immunsystem. Die letzte ernsthafte Erkältung war vor über zehn Jahren.» Vor dem Impfzentrum gab es Diskussionen wegen des Hundes: «Tiere sind dort verboten, aber für Blindenführhunde gibt es die eine Ausnahme.»

Im Traumhaus angekommen
Wie sie ins Glarnerland kam? «In Zweisimmen hatte ich leider nur für 5 Jahre meine Traumstelle.» 2014 suchte Gasser etwas Eigenes, um eine Praxis zu eröffnen. «In Zweisimmen fand ich nichts Passendes. Also weitete ich die Suche aus: Es musste Berge haben, einen Bahnhof, eine Migros und eine Langlaufloipe. Meine Eltern sagten, aber mehr aus Spass: Schau, dass es für uns auch Platz hat.» Den hat es, sie fand in Glarus ihr Traumhaus.

Tango und Lindy Hop Tänzerin
Mit acht Jahren erblindete Susanne Gasser. «Bis im Sommer 2012 sah ich noch etwa vier Prozent, also Umrisse und Bewegungen. Seither sehe ich so viel wie ein Normalsehender mit geschlossenen Augen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist, etwas zu sehen.» Ihren Wunschberuf Physiotherapeutin erlernte sie nach dem KV. «Ich war 18 nach der Sek. Ein erfahrener Lehrmeister wagte mit mir das Experiment KV-Lehre, weil er wissen wollte, ob es mit einer Blinden klappt. Ich war also ein Experiment. Aber es ist besser, als Experiment eine Lehrstelle zu finden, als gar keine. So wie ihn traf ich immer wieder Leute, die den Mut hatten, mir etwas Spezielles beizubringen.» Wie ihren Gleitschirmfluglehrer. «Es braucht dazu Offenheit, Flexibilität, Neugier.» Doch Sehende reagieren unterschiedlich. «Ich tanze Tango Argentino. Wenn ich mich jeweils für einen speziellen Anlass anmelde, frage ich manchmal nach dem nächstgelegenen Hotel. Manche Organisatoren blocken mich ab, wenn sie lesen, dass ich blind bin, andere freuen sich, dass ich teilnehme. Ich hoffe, dass immer mehr sich trauen.»

Weltreisende
Mexiko, Kanada/Alaska, Japan, Australien, Neuseeland, Amerika, Mongolei und zwei Jahre Südamerika – obwohl blind, bereist Gasser die Welt. Wie das geht? «Ich reise alleine in Länder, wo ich die Sprache beherrsche. Zuerst reiste ich mit Gruppen, aber damit hatte ich kein Glück. Seither alleine und oft privat beherbergt. So bekomme ich mehr Facetten mit vom jeweiligen Land.» Südamerika hat sie als sehr offen für Blinde erfahren. «Die Schweizer Gesellschaft ist nicht so blindenfreundlich – entweder man traut uns zu wenig zu oder man will uns nichts zumuten. Da stosse ich immer wieder an.»

Therapeutin
Viele Blinde, so Gasser, benötigen ihre Energie für ihr Leben, so dass ihnen Kapazitäten für anderes fehle. «Aber ich leide unter zuviel Energie. Wenn ich nicht arbeiten könnte und mich in Kommissionen einsetzen, würde ich über die Berge gehen.» Diskriminierung im Beruf erlebt sie kaum, in der selbstständigen Physiotherapie wird mit Taxpunkten abgerechnet. «Taxpunkte sind ja nicht weiblich oder männlich. Ob sehend oder nicht – das Ziel bei der Physiotherapie bleibt dasselbe. Manche Patienten sagen, wir Blinden seien besser beim Tasten, da wir nicht von den Augen abgelenkt werden.» Und was ist für Blinde schwieriger? «Die Bewegungsanalyse. Ich muss Patienten berühren, um zu fühlen, wie eine Bewegung funktioniert. Doch auf die gesamte Arbeit gesehen sind das bloss ein paar Prozent. Viel wichtiger ist, dass es menschlich stimmt.» Die Glarner Männer erfährt Gasser als «kommunikativer als der schweizerische Durchschnitt, bei den jüngeren wünsche ich mir etwas mehr Glarner Dialekt.» Doch in Vereinen von Sehenden biss Gasser auf Granit. «Die haben mich einfach übergangen. Es ist schwierig, Gehör zu bekommen in Gremien – auch im Sehbehindertenwesen. Besonders, als ich die am stärksten Sehbehinderte, die Jüngste und die einzige Frau war.»

Interessenvertreterin
Gasser wünscht sich eine offenere Gesellschaft, die vorurteilsloser auf Beeinträchtigte zugeht. «Nicht nur, wenn es um Hilfe auf der Strasse geht. Auch dort, wo ich mich bewerbe, auch im Hobby-Bereich und bei der Arbeit. Denn es ist doch spannend, mit speziellen Leuten zusammen zu arbeiten.» Neuestens ist Gasser bei SZBLIND – dem Schweizer Zentralverein für das Blindenwesen – im Vorstand. «Deshalb und auch wegen Pro Infirmis Schweiz muss ich französisch können.» Sie hat sich also bei den blinden Westschweizer Skifahrern angemeldet und will dabei die Sprache üben. «Im Juni wurde ich bei pro infirmis in den Vorstand gewählt. Ich wollte mein Spektrum erweitern, von nur blind zu allgemein behindert. Seit einem Jahr bin ich Präsidentin beim Blindenbund, seit sechs Jahren in der Begleitgruppe Sehbehinderung und öffentlicher Verkehr. Von dort kenne ich deren Leiter Jan Rhyner.» Gasser ist auch in der Brailleschrift-Kommission. «Um zu verhindern, dass die Blinden das Schreiben verlernen, und um die Brailleschrift zu fördern. Heute gibt es eine Reihe von Sprachausgabegeräten, aber wenn man nur noch damit arbeitet, ist man eigentlich Analphabet.» Sie freut sich, sogar, wenn ihre Finger Medikamentenpackungen lesen können. «Es ist cool, auf etwas zu treffen, was ich lesen kann. In Spanien sind Duschmittel und Shampoos angeschrieben.» Ab Januar wird sie die Hilfsmittelkommission von SZBLIND leiten.

Grenzen
Snowboarden geht Susanne Gasser heute nur noch, wenn die Piste weich ist, beim Tanzen wartet sie teilweise lange, bis ein Mann den Mut hat sie aufzufordern, Gleitschirmfliegen geht gar nicht mehr. Ihr Wunsch? «Ich wünschte mir eine selber fliegende Drohne, die mich über alle Berge hinwegträgt.»

FJ 

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