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PD Dr. med. Eliane Angst, Chefärztin am Kantonsspital Glarus. (Foto/Video: FJ)

Wer mit Eliane Angst einen privaten Termin abmacht, muss damit rechnen, versetzt zu werden. Einen Tag vor unserem Gespräch hat sie mir auf die Combox gesprochen: «Jetzt bist Du Opfer eines typischen Tages im Spital geworden, da geht alles drunter und drüber. Ich muss einen Notfall operieren.» Und ich muss hinten anstehen.

Eliane Angst ist Chefärztin der chirurgischen Klinik und Departementsleiterin Chirurgie, Gynäkologie und Geburtshilfe am Kantonsspital Glarus. Und sie ist in der Geschäftsleitung des neben dem Kanton grössten Glarner Arbeitgebers. Und sie hat einen Lehrauftrag an der Uni Bern. Wie viel Zeit bleibt da für Privates, für Familie und Freunde? Oder für ein Gespräch?

«Ich arbeite 60 Stunden pro Woche, und es gibt hektische Wochen», erzählt sie dann an unserem Treffen. Das sei anstrengend. Mehrere 14-stündige Arbeitstage hintereinander stecke sie heute nicht mehr so leicht weg, sagt die 48-Jährige und ergänzt: «Letztlich ist es aber eine Frage der Einteilung». Und der Erholung. Diese geniesst sie hier im Glarnerland in der Natur. Da kann sie bei einem Spaziergang auch mal auf ein Bänkchen sitzen, in die Ferne schauen und die Zeit verstreichen lassen.

Von Zürich über Frankreich und Los Angeles nach Glarus
Doch Stillstand gibt es bei Eliane Angst nicht. Selber bezeichnet sie sich als Vagabundin. Das kommt in ihrem Lebenslauf zum Ausdruck: in Zürich geboren, in Frankreich aufgewachsen und später zurück ins Zürcher Oberland. Studiert hat sie in der Schweiz, gearbeitet in Schaffhausen, Los Angeles und im Berner Oberland. «Zum Glück habe ich einen Mann, der sesshafter ist», schmunzelt sie. Seit 2016 lebt und arbeitet sie im Glarnerland.

Hierher kam sie wegen der Arbeit. Sie bewarb sich auf die ausgeschriebene Stelle als Chefärztin und Mitglied der Geschäftsleitung am Kantonsspital, und sie wurde gewählt. Das ist nicht selbstverständlich; in der Chirurgie sind Chefärztinnen immer noch eine Seltenheit. Eliane Angst bezeichnet ihre Wahl deshalb als fortschrittlich, und ergänzt: «Im Vergleich zu anderen Gegenden sind die Menschen im Glarnerland offen.» Das verdeutlicht auch die Wahl von Dr. med. Dipl. oec. Stephanie Hackethal, die ab September als CEO das Kantonsspital Glarus leiten wird. Damit sind dann zwei Frauen in der Leitung des Kantonsspitals. «So wird die Geschäftsleitung vielfältiger. Und das ist der entscheidende Vorteil. Je vielfältiger, desto bessere Entscheide können wir fällen», sagt Eliane Angst.

In Zukunft werde die Männerdominanz in der Medizin aber abnehmen, erklärt sie weiter. Denn 70 Prozent der Medizin Studierenden seien heute Frauen. Das findet sie nicht optimal. «Wir schauen, dass wir die Teams ausgewogen besetzen können.» Hingegen trauten sich die Frauen weniger als die Männer, Karriere zu machen. «Deshalb müssen wir sie unterstützen und ihnen ein positives Rollenbild geben.»

Vielfalt ist wichtig
Berufliche Vorbilder hatte Eliana Angst keine spezielle. «Ich hatte verschiedene Chefs, wo ich dachte, das möchte ich auch so machen». Mit der Erfahrung habe sich da und dort der Blickwinkel geändert, und so mache sie heute vieles anders. Das sei gut, denn die Vielfalt sei wichtig, betont sie ein zweites Mal: «Die Lösung muss nicht vom Chef kommen». Für sie ist das Team wichtig; das Team, das gemeinsam eine Aufgabe meistert. «Die Zusammenarbeit und die Art, wie die Leute hier am Spital Glarus miteinander umgehen, die Wertschätzung zwischen Pflegenden, Ärzten und Patienten finde ich absolut grossartig», sagt sie.

Ein gutes Team ist wichtig, wie ihr auch die Pandemie vor einem Jahr gezeigt hat. Da gab es wegen Corona weniger chirurgische Eingriffe, also weniger Arbeit für Eliane Angst: «Das Pandemiejahr mit dem Bundesrätlichen Verbot von nicht dringenden Behandlungen war für mich sehr schlimm. Anfangs gingen wir Chirurgen in den Notfall-Modus. Da funktionieren wir gut. Aber irgendwann waren wir nur noch am Reorganisieren. Ich durfte nicht mehr das machen, was ich gerne mache. Das war unbefriedigend», erzählt sie. Dazu kam der ökonomische Druck, weil die Einnahmen weniger wurden. Sie musste lernen, das alles nicht persönlich zu nehmen: «Es liess sich ja nicht ändern».

Auf das Bauchgefühl achten
Grossen Druck erfährt die Chirurgin auch bei jeder Operation. Da muss jeder Schnitt wohl überlegt sein und präzise ausgeführt werden. Geht etwas schief, kann das lebensgefährlich sein. Ist das nicht sehr belastend? «Ich kann mich nicht an viele unberechenbare Fälle erinnern», erzählt sie. Klar könne es Komplikationen geben, diese entstünden meistens wegen unerwarteter Reaktionen des operierten Körpers. Der menschliche Körper ist keine Maschine, er ist nicht immer berechenbar. «Und jede Operation hat auch mit Bauchgefühl zu tun». Wenn etwas Ausserordentliches passiert, besprechen sie es im Team und klären gemeinsam, was sie in Zukunft besser machen können. Kollektives Lernen, wie sie sagt.

Und wenn sie den Puls an unserer Gesellschaft fühlt? Was diagnostiziert sie? Eine gewisse Weitsichtigkeit. Oft sehen wir sehr genau, was andere machen, unser Handeln aber bleibt unscharf. Zum Beispiel während der Pandemie. «Ich wünschte mir, dass wir alle zuerst den Fehler bei uns suchen, bevor wir auf den Bundesrat oder auf andere zeigen. Das würde soviel vereinfachen». Manchmal braucht es keinen Schnitt, da reicht es, sein Verhalten zu ändern.

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