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Jacqueline Jenny, Entwässerungskorporation Braunwald. (Foto/Video: FJ)

Um die «Cremeschnitte» Braunwald zu stabilisieren, plant die Entwässerungskorporation Braunwald für 29,5 Mio. Franken einen 920 Meter langen Stollen, der unterhalb des Mittleren Höhenweges verläuft und die Rutschung des Dorfes verlangsamt. Dazu wird der Landsgemeinde vom September unter Traktandum 17 ein freier Kantonsbeitrag über maximal 1,6 Mio. Franken unterbreitet. Der FRIDOLIN erfuhr von Jacqueline Jenny, Kommunikationsverantwortliche der Entwässerungskorporation, mehr über Fakten und Gründe für das Projekt.

Nur wenige Glarnerinnen und Glarner dürften Orte wie Erftstadt, Neuenahr oder Schuld gekannt haben, bevor die «schlimmste Flut seit 60 Jahren» sie zerstörte. Auch das Dorf Brienz/Brinzauls in Graubünden kannten nur wenige, bis es anstatt im Zentimeterbereich plötzlich im Meterbereich jährlich zu rutschen anfing. Was man aber – seit Jahrzehnten – kennt, sind die Bewegungen des unteren Dorfteils von Braunwald. Seit ihrer Gründung 1981 überwacht die Entwässerungskorporation Braunwald das Bewegungsverhalten der Hangmasse, 1985 wurde im Grantenboden eine 160 Meter lange Sickerwand realisiert, das war die erste grössere Entwässerungsmassnahme, sie steht heute noch in Betrieb.

Es kommt in Schüben
Während der Schneeschmelze und in Phasen, wo es so intensiv regnet, wie etwa in diesem Juli, beschleunigt sich das Rutschtempo. Die Bewegungen betragen heute im unteren Dorfteil zwischen 2 bis 4 Zentimeter pro Jahr und 2014 konnte mit einer umfangreichen Modellierung gezeigt werden, dass ein längerer Entwässerungsstollen die Bewegung namhaft reduzieren kann. In Zahlen ausgedrückt: Die jährliche Schadenerwartung für das besiedelte Gebiet würde dadurch von zirka 12,4 Mio. Franken auf 1,9 Mio. Franken um 85 Prozent reduziert. Wegen der Bewegung liegen ein grosser Teil des Dorfes Braunwald, aber auch die Talstation der Braunwaldbahn sowie das SBB-Trassee in der roten Gefahrenzone und weisen Schutzdefizite auf. Weiter besteht die Gefahr, dass Murgänge auch die Linth rückstauen und zu Überschwemmungen führen könnten – genau so, wie das gerade in Nordrhein-Westfalen und in Rheinland-Pfalz sowie auch in Bayern und in Österreich derzeit geschieht.

Prävention ist billiger
Das Projekt «Entwässerung Braunwald» bietet eine Lösung für die Gefahr von Naturereignissen, welche eine starke Auswirkung auf die Bevölkerung haben können. «Es ist ein Präventionsprojekt», sagt Jacqueline Jenny. «Uns geht es darum, die Leute zu sensibilisieren. Für die Schönheit des Ortes Braunwald mit all seinen Qualitäten. Aber auch für die reelle Gefahr. Wir stehen heute mit dem Bauprojekt kurz vor der Bewilligung, wir sind näher dran, denn je. Doch das Projekt ist komplex, auch vor den geologischen Hintergründen, und es ist in dieser Art einmalig, deshalb auch die lange Vorbereitungszeit.» Einerseits also scheint es, als bleibe Zeit genug, ein Abrutschen aufzuhalten. Anderseits zeigen die Ereignisse dieses Sommers, dass ganze Ortschaften innerhalb von Stunden zerstört werden können. «Für den Moment», so Jenny, «sind 29,5 Mio. Franken viel Geld, aber auf die Länge gesehen günstiger.» Dabei werden 80 Prozent dieser Kosten (also jeweils 40 Prozent) von Kanton und Bund getragen. Die Gemeinde Glarus Süd trägt 7,5 Prozent der Kosten, ebenso die Entwässerungskorporation, wo alle Grundeigentümer Mitglied sind. Das bedeutet also sowohl für die Gemeinde wie für die Korporation jeweils 2,21 Mio. Franken – ein stolzer Betrag. Die letzten 5 Prozent kommen nun als freier Kantonsbeitrag vor die Landsgemeinde.

Doch es geht nicht nur um den Schutz der Bevölkerung und der Infrastruktur. Es geht auch um die Investitionssicherheit für die öffentliche Hand und für Private. «Die Entwässerung von Braunwald ist sozusagen die Basis», so Jenny. Abgesehen vom finanziellen Nutzen profitieren Braunwald und die Talschaft von diesem Projekt gleich mehrfach: Braunwald wird wieder ein sicherer Wohn- und Ferienort, dessen Erschliessung sicher geplant werden kann. Auch der Zugang zu den Tourismusanlagen – SBB, Braunwaldbahn, Sportbahnen – wird dadurch gesichert. «Es floss wieder sehr viel Wasser in diesem Frühsommer, man weiss also nie, was passiert. Und wenn etwas passiert, wären wir ausgeliefert. Gerade die Pandemie hat uns aber auch gezeigt, wie wichtig Ferien- und Erholungsorte wie Elm und Braunwald fernab der Ballungszentren für den eigenen Kanton sind. In Braunwald kann man Energie tanken – sei es bei Ferien, bei Freizeitaktivitäten oder bei einer Reha.»

Korrekter WegDie I
nformationen im Memorial zur Landsgemeinde (Teil II, Seiten 22 bis 27) sind umfassend. Noch weit wichtiger allerdings, so Jenny, sei, dass möglichst alle erkennen, welchen Nutzen das Projekt für sie selbst stiftet. «Die Korporation geht den korrekten politischen Weg, und es sollen sich alle mit der Entwässerung identifizieren können. Das Projekt bringt eine Lösung für das Problem, der Wert der Liegenschaften im Dorf bleibt erhalten. Alle Vorarbeiten sind gemacht, es wurde faktenbasiert gearbeitet und der Bau des Stollens ist sinnvoll und zukunftsgerichtet. Man darf die Bedeutung dieser Präventionsmassnahme nicht unterschätzen. Es gab in Braunwald schon akute Fälle von Rutschen, aber man hatte bisher Glück, dass keine grösseren Personen- oder Sachschäden entstanden. Ich sehe darin Weckrufe, die man nicht überhören darf. Und schliesslich – auch wenn man oft Gegenteiliges hört – die Qualität des Zusammenlebens in Braunwald ist gut, die Solidarität untereinander gross. Genau diese Solidarität der Glarnerinnen und Glarner braucht es, um den Entwässerungsstollen zu realisieren. Jetzt gerade ist es Braunwald, doch irgendwann wird es nächste Projekte in anderen Ortschaften geben. Wir müssen deshalb im Glarnerland zueinander schauen.»

FJ

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