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Häusliche Gewalt hat viele Gesichter. (Foto: 123rf.com/Federico Marsicano)

Die Opferberatung stellt im Kanton Glarus verglichen zum Vorjahr «eine klar höhere Anzahl Fälle häuslicher Gewalt» fest. Es sind vor allem Erwachsene, die sich melden. Für diesen Anstieg gibt es keine einfache Erklärung. Unter anderem auch darum, weil häusliche Gewalt ein vielschichtiges gesellschaftliches Problem mit verschiedenen Ursachen ist.

Es sind nicht nur die mit Make-up kaschierten blauen Flecken. Oder die Ausrede, man sei oben an der Treppe gestolpert. Häusliche Gewalt ist selten auf den ersten Blick erkennbar. Sie kann psychisch sein, und die Opfer massiv und auf Dauer einschüchtern. Oder wirtschaftlich und so die finanzielle Unabhängigkeit absichtlich verunmöglichen. Auch eine komplette Isolation von der Umwelt zählt zu den Taten, die unter häuslicher Gewalt zusammengefasst werden.

Dazu stellt sich die Frage, wie die Beziehung zwischen Opfer und gewaltausübender Person aussieht. Oft besteht ein Machtgefälle, das von der einen Person schamlos ausgenutzt wird. Es gibt auch keine typischen Opfer oder typischen Täter und Täterinnen. Häusliche Gewalt kann unter jedem Dach vorkommen, unabhängig von Einkommen, Wohnort, Familiengrösse oder sozialem Hintergrund.

Gewalt wird weitergegeben
In der Psychologie gibt es die Theorie der Reproduktion. Sie besagt, dass Bewältigungsstrategien weitergegeben, sozusagen vererbt werden. Zum Beispiel lernt das Kind, wie es sich verhalten muss, damit die Schläge erträglicher werden. Oder umgekehrt: Es lernt, dass Zuschlagen auch Macht bedeutet. Das aber heisst nicht, dass es dieses Verhalten zwangsläufig selber anwendet. Häusliche Gewalt kann systematisches Gewalt- und Kontrollverhalten sein, oder je nach Situation übergriffig, wenn zum Beispiel Drogen oder Alkohol im Spiel sind. Aber auch dieses Verhalten darf man nicht akzeptieren.

So wie Täter und Täterin immer wieder gewalttätig werden, kann auch das Opfer immer wieder verzeihen. Und seine Situation akzeptieren. Verzeihen ist nachvollziehbar, denn oft hat man diesen Menschen anders kennen gelernt, und hat jetzt Mühe zu verstehen, was da passiert. Dazu kommt eine wirtschaftliche Abhängigkeit. Dann ist es schwierig sich einzugestehen, dass man Opfer von häuslicher Gewalt ist und eigentlich einen Schlussstrich ziehen sollte.

Der erste Schritt zur Verbesserung
Die eigene Situation erkennen, ist der wichtige erste Schritt, um der Gewalt zu entkommen. Die Opferberatung in Näfels hilft bei den nächsten Schritten. Dort kann jede Person vorbeigehen, unabhängig von Alter, Geschlecht oder Sprachkenntnissen. Und man kann seine beste Freundin mitnehmen oder eine andere Person, zu der man Vertrauen hat. Die häusliche Gewalt muss nicht zuerst bei der Polizei angezeigt sein, um sich beraten zu lassen. Es reicht, wenn man das Gefühl hat, man sei häuslicher Gewalt ausgesetzt.

Die Opferberatung berät die Hilfesuchenden und unterstützt sie bei der Suche nach professioneller Hilfe. Nach einem Besuch verpflichtet man sich zu nichts. Weder zu einer Anzeige noch zu einer anderen Massnahme. Massnahmen erfolgen immer in Absprache mit den Hilfesuchenden. Sie müssen einverstanden sein und wissen, was gemacht wird und was das für sie und für die Täter und Täterinnen bedeutet.

Der Schutz der Opfer hat Vorrang
Die Gespräche bei der Opferberatung sind vertraulich und kostenlos. Die Opferberatung hat keine Meldepflicht. Sollten die Beratenden aus einem ersten Gespräch erkennen, dass die Situation für das minderjährige Opfer gefährlich ist, dürfen sie weitere Stellen informieren. Der Schutz der Opfer hat Vorrang, darauf richten sich alle Massnahmen aus.

Schlimm bei der häuslichen Gewalt ist ja auch, dass der in der Familie erwartete Schutz nicht gegeben ist. Das ist von Aussen schwer erkennbar. Wenn aber doch: Darf ich als Nachbar auf meine Vermutung hin Anzeige erstatten? Grundsätzlich ja. In der Schweiz gelten Gewaltdelikte in Ehe und Partnerschaft als Offizialdelikt, sie müssen von Amts wegen verfolgt werden. Trotzdem kann bei einer guten nachbarschaftlichen Beziehung zuerst ein persönliches Gespräch angezeigt sein. Nachfragen, weil es gestern so laut war.

Das Gespräch sei eine sehr wirkungsvolle Prävention, bestätigen die Beratenden der Opferberatungsstelle. Über häusliche Gewalt reden, nicht nur mit dem Nachbarn, auch am Arbeitsplatz, unter Freunden und in der Schule – und sich trauen Hilfe von Fachpersonen und Fachstellen wie der Opferberatung anzunehmen. Vor allem Kinder müssen verstehen, dass das, was zu Hause abläuft nicht richtig ist. Indem man darüber redet, stoppen wir die Verdrängung, bringen wir Licht ins Dunkel und machen die Taten sichtbar.

Fredy Bühler

Offene Türen, professionelle Hilfe
Wer zur Opferberatung geht, braucht für die Hilfe nichts zu bezahlen. Die ausgebildeten Sozialarbeitenden unterstehen der Schweigepflicht und unterstützen hilfesuchende Betroffene und deren Kindern dabei, Auswege aus der Gewalt zu finden. Sie hören zu, suchen Lösungen und helfen zu entscheiden, wie es weitergehen soll. Bei Bedarf vermitteln sie auch eine Anwaltsperson, psychologische und finanzielle Hilfe oder suchen einen geschützten Ort für Betroffene und deren Kinder.
Die Opferberatung befindet sich an der Bahnhofstrasse 24 in Näfels, zwei Gehminuten vom Bahnhof, und ist unter der Nummer 055 646 67 36 erreichbar. Informationen über Opferhilfe findet man auch im Internet: www.opferhilfe-schweiz.ch.
Auch gewaltausübende Personen können Hilfe bei der Gewaltberatung in Anspruch nehmen. Diese finden sie unter der Nummer 055 646 69 70.

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