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Heidi Seibert geht leidenschaftlich gern auf die Jagd. (Foto/Video: FJ)

Gemeindeschreiber-Stellvertreterin, Präsidentin im Verein Langlaufloipe Töditritt, Drohnenpilotin bei der Rehkitzrettung, leidenschaftliche Jägerin und Zusatzmitglied bei der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde – das sind die fünf Pfeiler, über die der FRIDOLIN mit Heidi Seibert aus Nidfurn sprach. Und über die Natur der Bienen.

Jagen, das ist doch das angestammte Gebiet der Männer – seit der Urzeit. «Stimmt, es ist eine Männerdomäne in dem Sinn, dass es noch wenige Frauen gibt, die das machen. Doch es werden mehr und mehr, welche die Jagdausbildung absolvieren und sich der Passion Jagen widmen.» Was das für ein Typ Frau ist? «Eine, die gerne in der Natur ist, eine, die mit offenen Augen durch die Natur geht, die das Wild beobachtet.» So kam auch Heidi Seibert zum Jagen: «Zuerst ging ich mit und habe nur fotografiert, aber ich dachte auf einmal, es wäre schön, dieses Handwerk zu lernen.» Denn Jagen ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Handwerk. «Ich habe die Jagdprüfung gemacht und das war kein Zuckerschlecken, im Gegenteil: wir mussten jeden Abend raus in die Natur, um zum Beispiel anhand von Zweigen und Blättern Bäume zu bestimmen: Schlehe, Weissdorn, Himbeere, Brombeere – es ist ein Lernen fürs Leben, deshalb heisst es ja in Deutschland das grüne Abitur.»

Mit Bruder und Vater unterwegs
Seibert ist handwerklich begabt. «Das habe ich von meinem Vater, der nebenher Schafe hatte. Wir waren vier Kinder. Meine zwei älteren Schwestern waren eher im Haushalt, ich dagegen war mit Bruder und Vater unterwegs und konnte schon als Kind alles bedienen: den Mädler, die Seilwinde, den Einachser. Den Haushalt bekam ich schon auch mit. Wir hatten zu den Talliegenschaften noch den Bodenberg oberhalb von Nidfurn. Da gingen wir manchmal abends noch hinauf und holten mit einem Hornschlitten ein Bündel Heu runter.» Diese Kraft ist geblieben.«Wenn ich heute ein Wildtier erlege, habe ich es in kurzer Zeit «aufgebrochen», also die Innereien entfernt. 100-prozentiges Bio-Fleisch, das man mit gutem Gewissen essen kann.» Einiges an roher Kraft kompensiert Seibert auch mit Köpfchen. «Wenn ich eine Gämse geschossen habe, hänge ich sie im Schatten auf, damit sie abkühlen kann, bevor ich sie runtertrage. Da schaue ich zuerst: Wo hänge ich sie auf und wie? Denn so ein Tier wiegt in der Regel 25 bis 30 Kilogramm.»

Akzeptiert werden
Doch sie spürt trotz Männerdomäne keine Abwehr. «Wir jagen ja in der Regel in der Gruppe. Und in unserer Gruppe sind alle akzeptiert, sonst wären sie nicht in der Gruppe. Zudem hilft man sich – Mann hilft Mann und Frau, Frau hilft Frau und Mann, da wird kein Unterschied gemacht. Aber ich habe hohe Ansprüche an mich selbst. Das Behändigen des erlegten Tieres in der Jagd muss möglich sein. Ich will die Gämse also auch runtertragen. Wer diese Passion ausübt, der muss sie mit allem ausüben, was sie ausmacht – vom Aufbrechen bis zum Behändigen. Es wäre nicht korrekt, ein Tier zu schiessen, das man dann nicht holen kann. Einen Hirsch allerdings schafft niemand allein.» Dazu braucht es die Jagdgruppe.

«Was ich einer Frau raten würde, die jagen will? Die Jagd findet draussen statt, bei tiefen Minus- bis zu hohen Plusgraden, das ist nichts für Gfrörli. Die Glarner Hochjagd hat viel mit Laufen zu tun, das ist  anspruchsvoll. Doch wenn du die Natur liebst, wenn du gerne Tiere beobachtest und geduldig bist, dann ist es eine tolle Passion für eine Frau. Am Ende der Hochjagd bist du konditionell auf einem hohen Level, da gehst du Kilometer um Kilometer und Höhenmeter um Höhenmeter hinauf und hinab, mit Rucksack und Gewehr. Tagsüber steht das Wild eher nicht auf, deshalb konzentriert sich die Hochjagd auf die Morgen- und Abendstunden. Es geht im Dunkeln aus der Hütte und abends im Dunkeln wieder zurück. Du darfst also auch keine Angst haben im Dunkeln. Denn du bist zwar in der Gruppe, aber letztendlich jagst du alleine.»

Auf den Tisch hauen
Auch im Beruflichen kennt Heidi Seibert wenig Ungleichheiten. «In allen Tätigkeiten, welche ich ausübte, schaute ich es nicht als Nachteil an, eine Frau zu sein. Es geht um den Menschen selbst, nicht um sein Geschlecht. Das Frausein hat mich nie gehindert. Was mich stört am Geschlechterunterschied: wenn ein Mann auf den Tisch haut, hört man von anderen Männern und Frauen oft: der hat Durchsetzungsvermögen – er wird dafür also fast etwas bewundert. Wenn dagegen eine Frau auf den Tisch haut, heisst es bei den Männern bald: die hat Haare auf den Zähnen. Das habe ich im Leben als Frau festgestellt, wenn ich mal auf den Tisch klopfte. Denn gewisse Männer sind sich nicht gewohnt, dass eine Frau sagt, wo’s langgeht. Ich hör das öfters in Diskussionen, wenn Frauen gradeheraus etwas sagen – das ist etwas, wo nicht mit gleichen Ellen gemessen wird.»

Dafür gilt Diplomatie oft als eine Stärke der Frauen: «Sie schaffen in gewissen Kadern einen Ausgleich – wenn unterschiedliche Vorschläge für den Weg da sind. Frauen haben da oft die Fähigkeit, den gescheitesten Weg zu finden – und sie können Fehler zugeben, da haben Männer Schwierigkeiten. Eine Frau kann eher über den Schatten springen. Aber sonst», sagt sie lachend, «bin ich nicht so der Mann-/Frau-Typ. Das analysiere ich auch nicht so.» Zur Lohngleichheit ist ihre Position klar: «Gleiche Leistung, gleicher Lohn – Leistung ist das, was du einkaufst. Die Leistung von Mann und Frau soll dasselbe kosten. Ich habe mit dieser Einstellung selten die Erfahrung gemacht, dass ich schlechter bezahlt worden wäre.»

In der Gemeindeverwaltung und in der KESB
Wir kommen wieder auf die Diplomatie. «Manchmal ist eine Lösungsfindung nicht ganz einfach und man fragt sich: was wäre das gescheiteste?» Da wird man als Frau, als Beraterin, hie und da auch als jene, die sich in die Kundinnen und Kunden, in die Bevölkerung hineinversetzen kann, um Rat gefragt. «So kommen wir auf gute Lösungen!» Ähnlich ist Heidi Seiberts Rolle als Zusatzmitglied in der KESB. «Wenn dort eine einschneidende Massnahme beschlossen wird, befassen sich fünf anstatt drei Behördenmitglieder intensiv mit diesem Entscheid.  Die ständigen Behördenmitglieder arbeiten auf der KESB, die Zusatzmitglieder kommen von aussen – das wollte die Landsgemeinde so. Die Zusatzmitglieder gewährleisten die Aussensicht und befassen sich erst dann intensiv und kritisch mit dieser Massnahme. So wird dieser Entscheid vertiefter angeschaut – von fünf Individuen, welche verschiedene Fähigkeiten haben. Da ist es die Mischung, die’s macht.»

Sich die Natur zum Freund machen
Ihr grosses Hobby ist auch der Sport: Joggen, Langlauf – Ausdauer eben. «Ich bin gerne draussen. Obwohl ich den Sommer mit den warmen Temperaturen lieber habe, habe ich mich mit dem Winter arrangiert und ihn mir zum Freund gemacht. Oft bin ich auf der Langlaufloipe – und als sie im Verein eine Vakanz hatten, übernahm ich das Präsidium der Loipenorganisation Töditritt.» Jetzt gerade ist aber etwas anderes wichtiger: «Aktuell bin ich intensiv an der Drohnenausbildung für die Rehkitzrettung. Eine gute Sache, aber auch aufwändig – im Sinne, dass man üben muss, sich mit den Programmen auskennen muss – es ist nicht zu unterschätzen.» Wenn ein Bauer sein Feld abmähen will, sind die Rehkitzretter um 5 Uhr auf Platz. «Da muss man schon am Abend vorher dort sein, die Gegebenheiten anschauen und das Feld programmieren, und am Morgen dann das Feld mit Wärmebild mit etwa 10 bis 15 km/h, abfliegen. Mit der Drohne Punkte setzten, wo Wärme angezeigt wird und eventuell ein Kitz liegen könnte. Dann geht man nachschauen und schützt dieses Kitz vor dem Vermähen.   Denn die Geiss legt die Kitze ab, und sie fliehen nicht, sondern ducken sich, wenn Gefahr droht. Man will nicht, dass die Kitze vermäht werden und möchte auch dem Bauern helfen, sei es aus Tierschutzgründen und auch aus Gründen einer Futterverunreinigung.»

Hege und Bienen
Die Rehkitzrettung gehört zur Hege, sie ist ein Auftrag des Jägers und der Jägerin. «Jagen ist ein Handwerk wie Gärtnern auch. Bis man ernten kann, muss man x-mal jäten, so ist das auch mit der Hege. Das ist auch anstrengend, aber es braucht entsprechende Hegemassnahmen – bis man zum Schluss ernten kann.» Heidi Seibert setzt sich intensiv mit dem Zusammenspiel der Natur auseinander. «Ich habe jetzt den Imker-Grundkurs begonnen. Die Biene – es ist spannend, was sie kann, wie lange sie lebt und welche Arbeiten sie übernimmt. Es ist dort ähnlich wie in unserem Leben: je älter eine Biene wird, desto höhere Aufgaben übernimmt sie.»

FJ

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