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Fahrtsrede von Landammann Rolf Widmer:

 

Hochgeachteter
Herr Landesstatthalter
Hochvertraute liebe Mitlandleute
Liebe Gäste

Wir erinnern uns heute der Schlacht von Näfels, die sich hier vor 630 Jahren abspielte. Am 9. April 1388 stiess das habsburgische Heer auf die hinter dem Rautiberg versammelten Glarner. Es waren 600 bis 700 Freiheitskämpfer, darunter einige Freunde aus Uri und Schwyz. Sie sahen sich konfrontiert mit einer Feindesübermacht von 600 Mann zu Pferd und 6000 Mann zu Fuss. Weder die quantitative Unterlegenheit noch die schlechten Witterungsverhältnisse, es herrschte Schnee- und Regentreiben, entmutigte unsere Vorfahren. Sie wussten, worum es geht. Sie waren bereit, für Unabhängigkeit, für Freiheit, für Frieden zu kämpfen. 55 Menschen verloren auf Glarner Seite ihre Leben. Wir erinnern uns heute ihrer und schreiten gemeinsam über Stock und Stein zum Gedenken an all diejenigen, die hier schwere Not erlitten haben.

Die Schlacht von Näfels war aus historischer Perspektive eher der Ausnahme-, denn der Regelfall. Der Eindruck, das Glarnerland respektive die Eidgenossenschaft sei immer nur von aussen bedroht gewesen, ist ein Märchen, hat Peter von Matt einmal festgestellt. Er verweist darauf, dass die Gefahr vielmehr von innen drohte. Die Eidgenossen hatten sich lange gegenseitig bekämpft und totgeschlagen und waren auch noch stolz darauf. Es gab sogar Seeschlachten auf dem Zürichsee. Man war nicht nur bereit, einander zu erschlagen, man war auch gewillt, einander zu ertränken. Jedes Jahrhundert hatte seine von Eidgenossen im Namen politischer und ökonomischer Ziele getöteten Eidgenossen. Die Eidgenossenschaft war sehr lange ein kompliziertes Netzwerk von Städten und Ländern. Sie alle bestanden auf ihrer Autonomie und waren für deren Verteidigung parat, gegeneinander Krieg zu führen. Die Eidgenossen hatten lange keine gemeinsame Identität. Es brauchte nicht nur Jahrzehnte, sondern Jahrhunderte für diesen Prozess der Identitätsbildung. Das kollektive Bemühen um die Selbstvergewisserung gegenüber den umliegenden Mächten war ein dornenreicher Weg. Es waren eher die Einzelfälle wie die Schlacht bei Näfels, wo man sich zusammenraufte und die Eidgenossen, zumindest einzelne von ihnen, brüderlich Seite an Seite kämpften.

Die Situation von damals erinnert an das Europa von heute. Die EU ist auf dem Papier eine europäische Staatengemeinschaft, de facto wohl eher ein loser Staatenverbund. Die europäische Gemeinschaft ist ein Mix aus unterschiedlichen Interessen und geschichtlichen Prägungen, die dafür sorgen, dass ein einheitliches und geeintes Europa höchstens ansatzweise festzustellen ist. Selbst innerhalb der einzelnen EU-Ländern stellt man das Phänomen der alten Eidgenossenschaft fest, wonach man auf Autonomie pocht und bereit ist, dafür sehr weit zu gehen. Ein gutes Beispiel ist der spanisch-katalanische Bruderzwist. Die östlichen EU-Mitglieder werden nicht müde zu betonen, dass sie ein anderes Staatsverständnis von nationaler Homogenität und Identität haben als ihre Freunde aus dem Westen, wie der Streit um Flüchtlingsquoten beweist. Die steigenden geopolitischen Spannungen führen zu neuen Unsicherheiten. Der Global Risk Report weist darauf hin, dass die politischen und ökonomischen Konfrontationen zwischen den Grossmächten zunehmen. Das Risiko für militärische Konflikte mit Beteiligung von Grossmächten wird höher eingestuft als in der Vergangenheit.

Frieden wird heute als eine Selbstverständlichkeit erachtet. Wir können uns kriegerische Ereignisse wie damals bei der Schlacht von Näfels schlicht nicht vorstellen. Wir dürfen nicht vergessen, dass die beiden Weltkriege sich vorwiegend auf dem europäischen Kontinent zugetragen haben. Europa war nach dem zweiten Weltkrieg in Trümmern. Man konnte die Schweiz aber nicht kopieren. Europa besticht nicht durch Homogenität, sondern durch Alterität. Sie verbindet sich mit einer Konkurrenz der Werte und Ansprüche. Der Weg zum Frieden führte nicht analog der Eidgenossenschaft über einen zeitintensiven Prozess der Identitätsbildung. Für die Etablierung eines dauerhaften Friedens brauchte es die EU. Man entschied sich für dieses politische Modell der schrittweisen Integration. Man dehnte die Zusammenarbeit zwischen den europäischen Staaten ausgehend von der Wirtschafts- und Handelspolitik auf weitere Bereiche wie die Aussen- und Verteidigungspolitik aus. So schaffte man gegenseitiges Vertrauen und eine Zone von Stabilität und Frieden. Die Leistung der europäischen Integration als Friedensprojekt wird inzwischen kaum angezweifelt. Seit mittlerweile 73 Jahren haben wir die längste Periode aller Zeit ohne Krieg in Europa. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau schätzt die Friedensdividende auf 500 Milliarden Euro pro Jahr. Es handelt sich dabei um die Summe, welche die Steuerzahler in den EU-Staaten an Rüstungsausgaben sparen, welche sich infolge der friedlichen Kooperation ergeben. Man mag diese Zahlen für eine Milchbüchleinrechnung halten, doch sie erhellen die Tatsache, dass keine Generation mit so wenig Existenzängsten konfrontiert war und so friedlich in Freiheit und Sicherheit leben kann wie die heutige Generation. Frieden ist zur Selbstverständlichkeit geworden.

 

Hochvertraute liebe Mitlandleute,
geschätzte Gäste

Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Es handelt sich nicht um eine Glorifizierung der EU, nicht um eine Fürsprache eines EU-Beitrittes der Schweiz, nicht um ein Plädoyer für die Anerkennung fremder Richter. Sondern es geht einzig um die Sensibilisierung, dass uns Europa nicht völlig egal sein kann. Die Gefahr für uns droht heute nicht mehr von innen, wie damals zu Zeiten der Schlacht bei Näfels. Die Gefahr, wenn schon, kommt wohl eher von aussen. Die EU ist ein Friedensprojekt, der Nutzen kommt auch uns zugute, selbst wenn wir das nicht wahrhaben oder schätzen wollen. Wir alle haben ein vitales Interesse, dass die EU ein Garant für Stabilität und Frieden bleibt. Zerbricht die EU durch Austritte wie Grossbritannien oder andere Länder, wäre das ein herber Rückschlag für das Friedensprojekt EU.

Mehrere Jahrhunderte liegen zwischen der Schlacht von Näfels und dem heutigen Tag. Die Ereignisse von damals gewährleisten nicht Unabhängigkeit und Frieden auf alle Ewigkeit. Wie unsere Vorfahren sind auch wir und unsere Nachkommen gefordert, uns für Freiheit und Frieden einzusetzen und unseren Beitrag dafür zu leisten. Frieden, Freiheit und Souveränität sind keine Selbstläufer. Wir können nicht die Vergangenheit der letzten Jahre oder Jahrzehnte auf die Zukunft projizieren. Die Geschichte ist keine Kreisbewegung, wie Niccolo Machiavelli glaubte. Es ist ein Denkfehler zu meinen, alles verlaufe immer in gleichen Bahnen. Ein interessanter Historiker der Neuzeit, der Florentiner Francesco Guicciardini, hat schon im 16. Jahrhundert postuliert: Geschichte ist Totalverwandlung, Aufbruch ins Unbekannte. In diesem Sinne bitte ich für Land und Volk von Glarus um den Machtschutz Gottes. (Es gilt das gesprochene Wort).